Jenseits vom Grid: Wie Shuffle, Swing und Microtiming echten Groove erzeugen
Shuffle, Groove, Swing und Microtiming sind Termini aus dem Rhythmusbereich, denen häufiger eine wundersame Wirkung auf Beats und Patterns nachgesagt wird. Beispielsweise gilt der MPC-Groove alter AKAI Sampler als legendär und sei mitverantwortlich für den Sound dieser beliebten Instrumente. Heute räumen wir mit dem Mythos auf und zeigen euch, wie ihr Microtiming in Ableton Live 12 benutzt.
Quick Facts
- Definitionen helfen, die Begriffe voneinander Abzugrenzen
- Historische Einblicke vertiefen das konzeptionelle Verständnis
- Step by Step Guide, um Shuffle, Groove und Microtiming bei Ableton zu benutzen
- Tips und Tricks, wann und wie die Konzepte in eure Produktion passen
On the Grid
Egal ob DAW-Projekte, Sequenzer oder Arpeggiator, früher oder später geht es um die Einstellung des gewünschten Tempos, das in Bpm (Beats per Minute) gemessen wird. Auf rhythmische Noten umgerechnet, repräsentieren Bpm unsere Viertel. Alle anderen Notenwerte aka Subdivisions entstehen durch Halbieren oder Verdoppeln: Ganze, Halbe, Viertel, Achtel, Sechzehntel, Zweiunddreißigstel und so weiter. Das ist unser Grid.

Sowohl bei Ableton Live, als auch bei vielen Drummachines und Sequencern sind 16tel standardmäßig die kleinsten Bausteine. 32tel Noten werden jenseits von Trap Hihats eher selten benutzt – höchstens als Roll gegen Ende eines Buildups oder in Form von Ratchets. Bei Ableton Live lässt sich die Grid-Auflösung per Rechtsklick oder über STRG bzw. CMD und 1 oder 2 verändern, wobei 1 verkleinert und 2 vergrößert.
Microtiming
Microtiming ist der Oberbegriff, dem sich die Kategorien Swing, Groove und Shuffle unterordnen und beschreibt minimale Abweichungen vom Grid. Bei Ableton Live geschieht das Verschieben von Audiomaterial automatisch passend zum aktuellen Raster, was sich per Rechtsklick oder STRG/CMD und 4 deaktivieren lässt. Alternativ könnt ihr auch bei gehaltener ALT- bzw. CMD-Taste unabhängig vom Raster verschieben.
Triplets und Shuffle
Subdivisions, die durch Halbieren und Verdoppeln entstehen, erzeugen binäre Rhythmen. Es gibt aber auch ternäre Rhythmen, die sich aus Triolen bzw. Triplets zusammensetzen. Hier werden die Viertel nicht auf zwei Achteln geteilt, sondern drei. Manchmal sprechen wir dann vom Zwölf- oder Sechsachteltakt. Bei Ableton könnt ihr euer Grid ebenfalls mittels Rechtsklick auf Triolen stellen oder per STRG/CMD und 3.
SHUFFLE DEMO
Wenn wir von den Achteltriolen immer die Mittlere weglassen, erzeugt das einen sog. Shuffle-Rhythmus, den die Drummer:Innen unter euch vielleicht aus dem Blues, von Bernard Purdie oder Totos Rosanna kennen. Ausgehend vom löchrigen Triplet Pattern werden die Lücken mit Ghostnotes gefüllt. Hinzu kommen akzentuierte Snares auf der dritten Viertel sowie Bassdrums nach Wahl.
Swing
Durch das Weglassen weiterer Triolen, erzeugen wir das Swing-Pattern, das im gleichnamigen Genre und im Jazz essentiell ist. Die rhythmische Asymmetrie mit den kurzen Vorschlägen sorgt für einen gewissen Schwung, dem der Name zu verdanken ist. Achtet im nächsten Video mal darauf, wie wichtig Velocity beim Programmieren solcher Rhythmen ist. Außerdem wirkt der Beat durch minimales Verschieben einzelner Elemente weniger steif.
Auch wenn dem Swing-Rhythmus das messbare Triolenraster zugrunde liegt, handelt es sich um eine Spielweise mit viel Raum für Interpretation: Die fehlenden Triplets werden praktisch kaum als solche wahrgenommen und es fühlt sich eher so an, als wären die Achtel zu spät – Wie viel zu spät, ist Stilfrage. Bei der Shuffle-Hihat ist die Verschiebung zwar besser sichtbar, hier wird sich aber konsequenter ans Triplet-Timing gehalten.
Prozente
Diese Verschiebungen können wir auch in Prozent ausdrücken, was genau das Prinzip ist, nach dem Shuffle, Swing und Groove im Producing-Bereich arbeiten: So entsprechen binäre Achtel 50%, weil sie genau in der Mitte zwischen den Vierteln liegen. Ternäre Achtel liegen aufgrund ihrer Drittelung bei 33% und 66%, wobei wir im Swing oder Shuffle primär die Zweite verwenden.
Im Producing-Bereich werden die Begriffe synonym für solche Verschiebungen verwendet, mit sämtlichen Variationen von 50% bis ca. 80%. Roland TR-X0X oder Linn Drum sagen Shuffle, Elektron sowie AKAI Swing und Ableton Groove. Der größte Unterschied ist, dass sich Blues, Jazz und Swing häufig mit Achteln befassen, während Drummachines und DAWs eher auf 16tel-Basis jede zweite Note verschieben.
Ableton Live 12: Groovepool Templates
Bei Ableton Live 12 lassen sich MIDI-Clips und Co. mit verschiedenen Grooves versehen, die der oben beschriebenen Prozent-Logik folgen. Dafür gibt es diverse Templates, die ihr aus dem Groove Pool auf eure Patterns ziehen könnt. Ihr findet die Grooves links im Ableton Browser unter der gleichnamigen Kategorie. Dort sind einige Filter aufgelistet, wir beschäftigen uns zunächst mit "Basic Swing”.
Die Namen der Templates bestehen aus einer Kombination von Subdivisions sowie Zahlen zwischen 52 und 73. Beispielsweise würde das Template "Swing 8th 52” jede zweite Achtelnote eures Clips minimal verschieben, bis sie nicht mehr auf halber Strecke zwischen den Viertelnoten, also 50%, sitzt, sondern eben zwei Prozent später. "Swing 8th 73” sorgt für deutlich mehr Verschiebung – bei 75% sitzt nämlich schon die nächste, reguläre 16tel.
Bei Templates mit 16th oder 32nd im Namen wird ebenfalls jede zweite Note verschoben, nur eben auf Basis von 16tel- bzw. 32tel-Noten. Cool ist, dass ihr euch die Grooves anhören könnt, bevor ihr sie verwendet und bereits an der Wellenform erkennt, wieviel Versatz erzeugt wird. Achtet darauf, dass die Subdivision zu euren MIDI-Noten passt: Wenn ihr zB einen 16tel Groove auf ein Achtel-Pattern packt, gibt es keinen hörbaren Unterschied!
Praktische Anwendung
In der Regel braucht ihr für Techno, House und relativ schnelle EDM-Styles 16tel Templates. während langsamere Genres rund um Hip Hop und Dub häufiger mit Achteln arbeiten. Ich selbst benutze Swing am liebsten bei synkopierten (Drum)patterns, um ein bouncy Feel zu erzeugen: Das Grid reinforce ich mit 4/4 Kick, Offbeat-Hihats und klassischen Claps, dann fülle ich die 16tel Lücken mit extra Hihats, Toms oder Ghost Notes.
Ich finde, Swing kommt bei vereinzelten 16tel Noten am besten zur Geltung und passt super zu House mit Elementen aus Funk und Soul. An dieser Stelle könnt ihr problemlos mit 57er Swing und aufwärts arbeiten. Konstante 16tel-Rolls auf Snares, im Bass oder sonst wo, wie sie häufig im Techno verwendet werden, verlieren bei viel Shuffle schnell an Schub. Hier ist weniger mehr und auch niedrige Values reichen aus, um eure Patterns zu veredeln.
Weitere Settings und MPC-Swing
Wenn diese Prozentlogik eine genormte Methode ist, um kontrolliertes Microtiming umzusetzen, was macht dann den MPC-Swing so besonders? Bei Ableton sehen wir, dass die MPC-Templates andere Values bieten als Basic Swing. Viel wichtiger ist aber, dass auch die Dynamik variiert: Beim Swing-Beispiel haben wir gesehen, wie wichtig Velocity bei organischen Drumbeats ist, was den Erfolg der MPC im Hip Hop erklärt.
Um die Velocity auf unseren Clips zu hören, müssen wir im Groovepool-Bereich noch den entsprechenden Value erhöhen. Dort findet ihr auch Regler für zufällige Abweichungen vom Grid, Pre-Template-Quantisierung und Timing. Letzteres bezieht sich auf die Intensität des Templates und steht in der Regel auf 100%. Weiter unten gibt es noch eine globale Intensität von 0 bis 130%, ohne die eure Templates übrigens keinen Effekt haben.
Manuelle Verschiebung
Ich persönlich bin kein Fan von Random Timing Offsets – es ist viel lehrreicher, selbst Hand anzulegen und zu experimentieren! In der elektronischen Musik wird manuelle Verschiebung häufig bei Claps und Backbeats verwendet: zu späte Sounds klingen laid back, zu früh sorgt für mehr Drive. Meiner Meinung nach klingen Offbeat Hihats und Co. on the Grid am besten, simple Ride-Rhythmen können durchaus etwas Groove vertragen.
In diesen Fällen versuche ich, die oben beschriebenen Groove Templates manuell nachzubauen. Das ist praktisch, wenn ich zB. ein 16er Swing Template verwende, aber im selben Clip auch Achtel-Patterns humanizen möchte, weil pro Clip immer nur ein Template geht. Über den kleinen Pfeil in den Clip Settings könnt ihr den Versatz des aktiven Templates auch sichtbar machen. So habt ihr eine gute Orientierung fürs manuelle Verschieben.
Bass und Track Delay
Im nächsten Beispiel schauen wir uns einen Bass an, der ein relativ synkopiertes Muster spielt. Diesen könnte ich via Groove Pool an den Swing der Drums anpassen. Es klingt aber auch nice, wenn ich das ganze Pattern manuell nach hinten schiebe. Alternativ könnt ihr die Verschiebung via Track Delay regeln – so bleibt der Versatz mess- bzw. reproduzierbar und nondestruktiv. Ihr findet den Track Delay unter Ansicht/Mixer-Steuerung/Spur-Optionen
Etymologie
Ob sich in den early Drummachine Days für Shuffle entschieden wurde, weil das zu der Zeit der frischere Begriff war oder weil das Verschiebungsprinzip deutlicher rüberkommt, lässt sich nur vermuten. Swing macht streng genommen mehr Sinn, weil in der Spielpraxis genauso nuancierte Verschiebungen passieren, wie die entsprechenden Regler bei Drummachines, DAW und Co. ermöglichen.
Groove ist in erster Linie ein modernerer Ausdruck für dieselbe Verschiebungsmethode, wird aber auch synonym für Drumbeats oder den Effekt besonders gelungene Rhythmen verwendet. Aktuell taucht manchmal die Bezeichnung Bounce auf: Linguistisch vergleichbar mit Swing, geht es um Bewegung und Energie. Bounce ist quasi die aktuelle Anpassung an energetischere und schnellere Musik.
Bonus Tipp: Hip Hop, J-Dilla und X-Tolen
Triolen sind erst der Anfang, wenn es um komplexere Subdivisions geht. Statt auf drei Achtelnoten, können wir unsere Viertel auch auf fünf oder sieben splitten und erzeugen so Quintolen bzw. Septolen. In Ableton Live 12 lassen sich MIDI-Noten via STRG oder CMD und E gemäß des aktiven Rasters splitten. Wenn ihr jetzt STRG bzw. CMD gedrückt haltet, könnt ihr mit den Pfeiltasten durch alle möglichen Splits scrollen.
In diesem Hip Hop Beat habe ich die Hihats zu Quintolen, also fünf pro Viertel, verwandelt. Jetzt kann ich nach Belieben einzelne Noten löschen. Das Prinzip ist das gleiche wie beim Swing oder den Groove Templates: wenn wir die erste und dritte Quintole nehmen, haben wir 3 mal 20%, also 60%. Das Ergebnis ist ein herrlich träges Achtel-Pattern. Für die Bassdrum habe ich Septolen benutzt – hier dürft ihr gerne mischen!
Fazit
Am Ende ist Microtiming deutlich mehr als ein Tool zum vermenschlichen starrer Sequenzen, weil es sich seltener um zufällige, sondern eher gezielte und konstante Verschiebungen handelt. Der daraus resultierende Sound ist für viele Genres essentiell. Die verschiedenen Values erkennen und einsetzen zu können, ist ein Skill, den es zu lernen lohnt, wenn ihr eure Produktionen aufs nächste Rhythmus-Level bringen wollt!