Sven Väth wird 62. Das war mal das Alter für die Rente. Bei Udo Jürgens fing das Leben da aber noch gar nicht an. Und bei Väth ist 62 wieder mal eine Zwischenlandung. Denn wer ihn jüngst auf einer Bühne erlebt hat, weiß: Das hessische Exportgut zwischen Plattentellern hat noch nicht ausgedient. Seit über vierzig Jahren trägt der Babba sein Köfferchen um die Welt, während die übrige Zirkuskompanie das instagramtaugliche Lebenswerk auf einem Speicherstick spazieren fährt.
Die Geschichte hat man tausend Mal gehört, deshalb Zeitraffer: Ein Typ aus einem vorstadtliminalen Nicht-Ort nahe Frankfurt, der im elterlichen Pub angefangen hat, Platten zu drehen, landet unter dem Flughafen, tanzt wie ein Besessener in seltsamen Outfits. Und ist plötzlich so etwas wie der Gründungsmythos einer ganzen Subkultur. Sound of Frankfurt. Dorian Gray. Omen. Väth war nicht der Einzige, der damals am Start war. Aber er ist der, der es am längsten durchgehalten hat. Die meisten, äh, Pioniere von damals sind nämlich entweder tot oder treten für umgerechnet 500 Mark bei Provinpeinlichkeiten auf.

Väth macht das anders. Er bleibt einfach jung. Das mag daran liegen, dass er nie wirklich älter geworden ist. Dennoch: Väth ist das, was das traurigste Wort der deutschen Sprache ist und bei ihm gar nicht mehr traurig wirkt: junggeblieben. Und zwar unironisch. So wie Tony Hawk, der sicher ewig Skateboard fährt, legt Väth Platten auf und lässt sich von Leuten feiern, die zur vorletzten hr3-Clubnight noch nicht mal in Planung waren.
Ja, Väth legt Platten auf. Auch das hat schon manch listiger Lokaljournalist bemerkt. Nur: Väth hat den Übergang von der Schallplatte zum Digitalen und zurück zur Schallplatte irgendwie überlebt, ohne sich dabei selbst zu verraten. Dafür gründete er Labels, die der Reihe nach Eye Q, Harthouse und Cocoon hießen. Also: erst das Auge, dann das Haus, schließlich der Kokon. Man muss nicht Richard David Precht heißen, um dahinter die Biografie eines Hessen zu erahnen, der erst schaut, dann baut und sich am Ende einspinnt.

Auch interessant

Natürlich ist da auch das, huch: Geld. Cocoon war nie der unschuldige Underground, als den ihn manche immer noch herbeisehnen. Der Club in Frankfurt war teuer, das Design spektakulär, das Restaurant hatte Sterne und die Partys auf Ibiza waren lange Zeit so etwas wie der Pflichttermin für alle, die dazugehören wollten. Manche nannten das deshalb Kommerz. Andere Ausverkauf. Stimmte alles ein bisschen. Aber die Alternative wäre gewesen, nach dem ganz tollen Omen-Ende in Talkshows zu verschwinden und also anderen das Feld zu überlassen. Väth hat den Karren deshalb nie abgespannt. Er hat das Feld einfach umbenannt und weiterbestellt. Und die Leute sind gekommen. Selbst die, die ihn für zu kommerziell hielten.
Was ihn wirklich einzigartig macht, ist aber nicht sein Sound. Der ist manchmal genial, sonst solide – übrigens auch, weil er sich bis heute der Vereinnahmung als Legacy-Maskottchen verwehrt und im Gegensatz zu anderen Glatzköpfen nicht vor Burgen und Schlössern "Konzerte" veranstaltet. Einzigartig ist bei Väth eher das, was in der lifestyleaktivistischen Selbstdarstellungssimulation selten und bei vielen zum hohlen Modewort geworden ist: Haltung. Also so ein komischer Mix aus väterlichem Szenesegen und Ayurvedakur. Sie kommt schließlich von einem Mann, der eigentlich Opa sein könnte, aber seit 20 Jahren Mick Jagger zitiert, wenn es ums Altern geht. Von einem, der als Multimillionär immer noch Feiern sagt, als stecke da politische Programmatik drin. Ja, von einem, der in Wochenzeitungen über seinen Personal Coach und Drogen und die alten Zeiten redet, ohne dass man sich die Augen ausstechen möchte.
Für diese quatschposige Haltung braucht ihn die sogenannte Szene. Ist ja egal, ob da jetzt 62 steht oder Zwischenlandung oder Alter ist doch nur eine Zahl. Der Väth spielt sowieso weiter. Solange er das macht, muss sich niemand eingestehen, dass der Zirkus irgendwann zu Ende geht. Der Babba hält den Laden am Laufen. Auch wenn er inzwischen der älteste Clown im Zelt ist.
Fotos:
JoeJoeJoe93 - Own work (Original text: Selfmade), CC BY-SA 3.0
Amnesia Ibiza - CC BY 2.0
