Going Analog wird in der Synthesizer Community häufig als direkter Weg zum finanziellen Ruin bewitzelt. Ein Blick auf die angebotenen Komplettsysteme von Doepfer oder Erica Synths, die zwischen 2 und 5k kosten, bestätigt das Meme. Ich zeige euch, wie ihr den Einstieg in die Modular-Welt schafft, ohne direkt ein Vermögen ausgeben zu müssen.
Quick Facts
- Erstelle aus unzähligen Modulen dein individuelles Synthesizer System
- Einzigartiger Workflow mit Patchkabeln und Potis statt Klaviatur
- Lange Historie sorgt für Vintage Flair
- Modular Struktur erlaubt Erweitern und Verbessern
- Lebhafter Gebrauchtmarkt
A1. Aller Anfang ist schwer: Komplett Systeme
Wenn ihr noch am Anfang eurer Eurorack-Reise steht, kann die riesige Auswahl an erhältlichen Modulen ziemlich erschlagend wirken. Vielleicht habt ihr auch noch nicht so den Überblick, wie ein Synthesizer aufgebaut ist oder welche Einzelteile und Features ihr in eurem Setup wollt. In beiden Fällen erleichtert ein Komplett-Set den Einstieg und ermöglicht es, essentielle Erfahrungen zu sammeln, ohne ewig recherchieren zu müssen.
Während die eingangs erwähnten Systeme preisbedingt nicht für den Einstieg geeignet sind, gibt es durchaus erschwingliche Alternativen von Behringer: System 15 ist mit 599 Euro die günstigste Variante und bietet 16 Module im Stil der 900er Serie von Moog sowie 96 TE freien Gehäuseplatz zur individuellen Erweiterung. Für gut 80 Euro mehr bekommt ihr bei Behringers System 35 stolze neun Module on Top, habt aber weniger Platz im Case übrig.
A2. Ergänzen: Sequencer
Was den Komplettsystemen von Behringer fehlt, ist ein Sequenzer, damit ihr eure Patches nicht manuell spielen müsst. Die Budget-Lösung heißt Behringer 182, kostet nur 44 Euro und liefert zwei separate Lanes mit je acht Steps, interner Clock, Portamento und variabler Gate-Zeit. Bei größeren Systemen braucht ihr mehrere 182er, was weniger finanziell, sondern eher platztechnisch problematisch werden kann.
Für generative Patterns empfehle ich Euclidean Circles V2 von vpme.de, weil die sechs Kanäle mit je 16 Schritten (drei Kanäle chainable bis max. 48), 16 Speicherplätze für Preset Patterns, diverse Laufrichtungen und spannende Zufallsfunktionen total inspirierend sind. Lediglich der Workflow ist etwas frickelig, lässt sich aber mit dem SixSwitches Modul für mehr Hands-On-Kontrolle erweitern. Außerdem passt Circles noch ins System 35!
A3. Abrunden: Effekte
Falls ihr euch für Behringer System 15 entschieden habt, müsstet ihr inklusive Sequenzer noch einige TE Platz im Case haben. Um euer Eurorack Setup abzurunden, könnt ihr mit dedizierten Effektmodulen Reverb, Delay und Co. integrieren, ohne auf Outboard Gear angewiesen zu sein. Von Behringer gibt es den analogen Phaser/Flanger/Chorus Behringer 172 mit eingebautem LFO und Gate Delay für 44 Euro.
Von den Space FX würde ich trotz des geringen Preises abraten und für Delay/Reverb mindestens in Behringer Skies investieren: Ein spannender Stereo Granular Prozessor mit CV-Eingängen für alle Parameter, Looping Delay und Pitch Shifting. Erica Synth Pico DSP ist nicht nur ein Platzwunder, sondern ein erschwinglicher Stereo Effekt mit diversen Algorithmen von Delay über Reverb bis hin zu Overdrive und Bitcrush.
B1. Der semimodulare Approach
Wenn nicht alle Geräte eures Modular-Setups in einem Eurorack-Case untergebracht sein sollen, könnt ihr auch mit semimodularen Synthesizern anfangen und diese gezielt über externe Module erweitern. Behringer Crave ist so ein Synthesizer, komplett analog mit integriertem Sequenzer und ein idealer Startpunkt. Behringer Edge ist einer meiner Favs für Drum Sounds im DFAM-Stil mit einzigartigem Sequenzer-Workflow.
Für analoge FM-Shenanigans mit rudimentären aber coolen Waveshaping-Features eignet sich der analoge Monosynth Malevolent von PWM. Diesen würde ich mit ein paar Modulatoren oder FX-Modulen unterstützen. Wenn ihr Wert auf einen integrierten Sequenzer legt, macht der knapp 100 Euro teurere Minibrute 2s von Arturia Sinn, weil dieser mit seinen drei Sequenzer-Lanes und 48 Patch-Punkten auch super als Steuerelement fungiert.
B2. CV-fähige Controller
Die vornehmlich als MIDI-Controller bekannten Keystep und Beatstep von Arturia sind in ihrer Pro-Ausführung besonders spannend für (semi-)modulare Setups, weil sie mit zahlreichen CV-Ausgängen ausgestattet sind. Beatstep Pro ist günstiger, setzt auf Triggerpads statt Klaviatur und kombiniert zwei unabhängige, monophone CV-Sequenzer mit einem dritten Track für Drum Gates.
Beim Keystep bekommt ihr vier Sequenzer-Lanes, die sogar 16-stimmig polyphon sind, einen integrierten Arpeggiator, Chord Modus, mehr Layer im Drum-Track und natürlich die anschlagdynamischen Mini-Tasten mit Aftertouch. Wenn ihr euch für so einen Controller als Schaltzentrale entscheidet, werden auch semimodulare Desktop-Synth wie Dreadbox Hades oder Behringer Model D spannend – die lassen sich übrigens auch ins Eurorack einbauen.
Fazit
Auch wenn die gebotenen Extra-Module des System 35 preislich nicht zu toppen sind, würde ich lieber zum kleineren System greifen, Erfahrungen sammeln und checken, was mir fehlt. Die Kombination aus Behringer System 15, vpm.de Euclidean Circles V2 und Erica Synths Pico DSP kostet knapp 1000 Euro, wenn ihr euch komplett mit Behringer versorgt, kommt ihr ca 200 Euro günstiger davon.
Die semimodulare Herangehensweise ist zwar ein bisschen geschummelt, bietet euch aber deutlich mehr Flexibilität bei der Auswahl. Verglichen mit den 599 Euro vom System 15 könnt ihr je nach Modell drei verschiedene, semimodulare Behringer Synths bekommen, die ihr miteinander verpatchen, mit weiterem Gear erweitern und in Eurorack Cases integrieren könnt. So lernt ihr den Workflow kennen und könnt jederzeit auf 100% modular upgraden.
Foto von Adi Goldstein auf Unsplash
