Verschwundene Clubs der 90er, die keiner mehr kennt – weil sie schon lange Geschichte sind
Foto: Denis Apel - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Verschwundene Clubs der 90er, die keiner mehr kennt – weil sie schon lange Geschichte sind

Features. 30. Juli 2026 | / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Gleich

Manchmal verschwinden Orte einfach. Nicht die Stadt selbst, nicht die Straßen, nicht die Laternen oder die U-Bahn-Linien, sondern die Nächte, die darin stattfanden. Clubs, Hallen, Keller, die man nur kannte, wenn man wusste, dass man sich auf der Suche nach etwas anderem befinden musste. So stolpert man heute an Glasturmfassaden vorbei, an Burgerlokalen und schönen Cafés, und denkt sich: Da war doch mal irgendwas. Genau. Da war was …

Eimer 

1990, Berlin-Mitte. Ein besetztes Haus, vollgestopft mit Bauschutt und Ideen, die lauter waren als die Polizei. Benannt nach den unzähligen Eimern voller Schutt, die ein paar Punks rausgetragen hatten, bevor hier eine sogenannte Szene wuchs. Bands wie Freygang, Ichfunktion, Die Firma, DJs und Spiral-Tribe-Ausläufer verschmolzen zu einem Experiment, das Party, Kunst und die gesammelten Werke von David Graeber vorwegnahm. Der Eimer wurde so zum Manifest: Stromleitungen brannten, Menschen schliefen am Boden, Räume flüsterten Geschichten von illegalem Glück. 2003 kam die Polizei dann doch mal vorbei, machte die Schlösser neu und die Punks kamen nicht mehr rein. Oder raus. Übrigens. Heute steht da wieder ein Gebäude, brav und steril, lecker thailändisches Essen.

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Die Basis

Keller unter Beton, muffig, dunkel, heiß wie ein Backofen. So war das in der Dieskaustraße in Leipzig, Anfang der Neunziger. BASIS stand da, groß geschrieben, bevor die Stadt überhaupt wusste, dass Techno mehr ist als ein Modetrend. 30 Verrückte, die einen Tresor in Leipzig wollten, schrubbten Wände, zogen Kabel, stellten Boxen auf und eröffneten ein Paralleluniversum. Sven Väth, Westbam, Marusha – Namen, die heute mit dem Zusatz Legende im Museum landen – legten auf.Trance, Hacke, Maschinenmusik, alles auf einmal. Wasser lief die Wände runter, Leute schwitzten sich ins Nirgendwo. 1997 war Schluss, Abriss, Beton verschluckte den Club endgültig. Heute gibt es Revival-Partys, sowas wie betreutes Raven, aber der Keller, ja, der ist längst weg.

Palazzo 

Bingen am Rhein. Schon der Name klingt nach Mittelaltermarkt und Flammkuchenstand, nicht nach Techno. Und doch stand da plötzlich das Palazzo: Eine Disco, die aussah, als hätte ein Architekturstudent mit Restposten aus Las Vegas und Ibiza experimentiert. In Frankfurt tobte die Omen-Nachhut, in Mannheim rüstete sich das Milk! zum Jungle-Hort. Und in Bingen, direkt neben der verlässlich romantischen Rheinpromenade, stand man in einer Halle, die aussah wie die Bravo Hits 7, nur mit besserer Musik. Das Palazzo mag immer ein bisschen zu sehr Provinz mit Aufreißlicht gewesen sein. Aber wer sich hier in den 90ern und frühen 2000ern reinquetschte, hatte plötzlich Anschluss an eine Welt, die sonst nur in Städten stattfand. Zwischen Rheinhessen und Hunsrück, zwischen Weinfesten und Schützenvereinen, legten Leute auf, die man eigentlich in Frankfurt oder Berlin vermutet hätte. Das war der Trick: Die Global Players in der global-unbedeutenden Metropole Bingen.

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Babalu Club

München, Stadt der Maßkrüge und CSU-Plakate. Aber, auch: Entbindungsort der Afterhour. Ja, ja, dort kappte man 1990 die Nabelschnur der Nacht, so richtig offiziell. Weil man keinen Bock mehr hatte auf Heimgehen, weil man einfach bleiben musste. So wie der Monaco Franze. Nur nicht im Tanzlokal und nach vier und, na ja, im Babalu. Das lag der Überlieferung zufolge irgendwo, mindestens ein Taxi entfernt. in Downtown-Schwabing. Wo man also wirklich hinwollen musste, wenn man nicht mit Bayernmünchen im P1 abhängen konnte. Oder mit der Seidl-Gang im Schumann. Was ja eher gar nicht klarging, wenn man zu Techno totalabstürzen wollte. Oder bei Rainald Goetz ein paar Mark Eintritt bezahlen durfte. Der saß im Babalu nämlich an der Tür. Zumindest einmal, fürs Foto. Und für den Münchenmythos, den man sich dann später, also heute, wie überall sonst ganz gerne erzählt. Bevor dann wieder jemand kommt, und sagt, dass diese eine Stunde Warten, vor der Schmalznudel am Viktualienmarkt, wirklich das Allerbeste war, in dieser Zeit

One

1989 fanden in Nürnberg zwei Highlights statt. Der Club gewann vier zu null gegen die Bayern. Und Marusha, die damals noch Marion heißen musste, eröffnete einen Club. Also, mit Techno statt Tikitaka. Und richtigem, internationalen Booking in den ehemaligen Strizzi-Lichtspielen, wo auf einmal 1500 Leute kommen sollten. Danach muss man den Überlieferungen glauben, die irgendwann bei Wikipedia die Geschichte erzählen. Marusha wollte Westbam buchen. Der war zu teuer. Marusha drehte daraufhin den Club ab. Und Radio DT64 auf. Ja, irgendwas wird sicher noch passiert sein, man könnte wieder mal nachfragen, aber eigentlich ist es egal. Weil sich daran ungefähr genauso viele Leute erinnern können wie an den glorreichen Derbysieg gegen die Bayern.

Front

Zwischen Hammerbrook und der Stadt, Keller unter Kontorhaus, Neon blinkt wie Herzrhythmus auf Speed, Plexiglas-DJ-Kabine starrt raus, Maschendraht-Garderobe wie Gefängnis, aber man will hier gefangen sein. FRONT, 1983–1997, House, Deep, Garage, Acid – alles gleichzeitig, alles zu laut, alles zu nah. Männer, Frauen, Samstags gemischt, freitags "Strictly men", Schweiß tropft, Neon brennt, Pornos flimmern auf Monitoren, während Frankie Knuckles aus den Boxen donnert. Boris Dlugosch legt auf, als würde die Welt draußen nicht existieren. Willi Prange und Phillip Clarke, die Architekten des Wahnsinns, bauen eine Stadt aus Sound im Untergrund. Die Bässe wühlen sich ins Mark, die Luft klebt, Körper, Zeit zerfällt. Dann der Fade-out, 1997, Bagger verschütten das Echo. Aber nachts, wenn man durch Hammerbrook läuft, hört man noch das Flüstern von House und schwulen Seelen, die sich einmal frei bewegten.

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Montevideo

Das Montevideo, oder einfach "Monte" hatte mit dem sogenannten Underground nichts zu tun. Es war ein innerstädtischer Bestadressenort, an dem sich die Wiener Schickeria und die internationale Schickeria  trafen. Trotzdem: keine grellen Discokugeln, keine lauten Chart-Hits, der Einlass streng, die Warteschlangen lang. Falco war ein regelmäßiger Gast, Grace Jones half spontan hinter der Bar aus. Auch Stress-ohne-Grund-Menschen wie Charlie Sheen und Kiefer Sutherland durften rein und mussten wieder raus, nachdem sie sich ein paar Schläge verpasst hatten. Bis zu seiner Schließung im Jahr 2001 blieb das Monte ein Symbol für Wiens Nachtleben der gehobenen Klasse. Übrigens: Heute kann man immer noch rein. Und Burger bestellen.

Club Monte Wien
Monte DJ-Pult 1999 // Foto: Robert68 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Gugelmann Areal Roggwil

Ja, ok. Kein Club, eher ein Areal. Gugelmann in Roggwil. Ein verlassenes Textilfabrikgelände, Betonwände, rostige Stahlträger, ein bisschen Kuhstall und Provinzbahnhof. Die Normalen fuhren wohl dran vorbei, dachten sich: Industriebrache, abreißen, fertig. Aber dann war das genau der Ort, an dem Techno in der Schweiz passiert. Keine Marke, kein Logo, keine Türsteher-Demokratie. Einfach Hallen und DJs, die sonst Festivals headlinen, mitten in der Provinz. Man muss sich nur mal die lustigen Videos anschauen: Das Gugelmann war Ausnahmezustand, ein Gelände, das nur für ein paar Stunden Weltzentrum wurde. Man hörte davon, war dort, fand sich zwischen Tausenden wieder, die auch glaubten, dass hier, genau hier, etwas Größeres passierte. Etwas, das keine Metropole braucht, nur einen Ort, der stark genug ist, alles andere auszublenden. 

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Warehouse

Köln, Ehrenstraße, ein ehemaliges Lagerhaus, das so aussieht, als hätte es schon alles gesehen: Kohlesäcke, billige Möbel, irgendwann mal Fahrräder. Anfang der 90er wird daraus plötzlich das Warehouse. Ohne Marketing-Trick oder fancy Branding, einfach: ein Lagerhaus. Beton, Backstein, dazu House und Techno, fädich! Gedacht war das als Gegenentwurf zu Berlin-Düsternis und Frankfurter Härte.  Laurent Garnier, Jeff Mills, Frankie Knuckles, sie alle spielten hier, zwischen Discolicht und Zigarettenrauch. Gleichzeitig standen die Kölner Jungs von Kompakt im Club, damals noch Plattenladenbesitzer oder auf Pressungen, die heute 200 Euro auf Discogs kosten. All das mag nicht schön gewesen sein. Aber es war das, was Köln bis heute prägt: Hedonismus ohne Selbsthass.

Tribehouse

Niemand weiß genau, wo man aussteigt, aber plötzlich steht man vor einem Club, der sich Tribehouse nennt. Kein Name für Rheinkirmes und Altbier, sondern für importierte Sehnsucht: New York, Ibiza, Ministry of Sound, alles kondensiert in einer Halle, die man von außen für ein Möbelhaus halten könnte. Drinnen aber: House in seiner Hochglanz-Variante. Roger Sanchez, Erick Morillo, David Morales. Männer mit Sonnenbrillen auch um vier Uhr früh, jetzt auf einmal hier, zwischen Hafenbecken und Autobahnzubringer. Ja, gut. Das Tribehouse war weniger Underground, mehr Catwalk. Frauen in Heels, Männer mit drei Tuben Gel im Haar. Aber man wollte halt diesen Studio-54-Flair, nur ohne Bianca Jagger auf dem Pferd. Während in Frankfurt das Omen längst Legende war und in Berlin der Tresor noch nach Schimmel roch, feierte man hier House wie Champagner: glitzernd und teuer.

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Walfisch

Der Club hieß Walfisch, müffelte aber eher nach einem Aquarium, in dem schon seit Wochen niemand den Filter gewechselt hatte. Man stand spätmorgens Schlange wie für eine Bananenlieferung in der DDR, bloß dass es drinnen keine Vitamine gab, oder, na ja, vielleicht doch. Jedenfalls: zu viel Nebel und DJ Tanith, der einen Düsenjet in die Steckdose steckte. Natürlich trank trotzdem niemand Fruchtsaft, höchstens warmes Bier aus der Flasche, es war ja ganz egal. Der Walfisch war nämlich kein Club, er war ein Trainingslager für die Fähigkeit, drei Nächte wach zu bleiben und danach immer noch im fünfunddreißigsten Semester Ethnologie zu studieren. Wer heute behauptet, dort gewesen zu sein, lügt wahrscheinlich. Oder erzählt die Wahrheit, was im Techno ungefähr dasselbe ist.

Foto: Denis Apel - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 // Robert68 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

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