Die 80er - das Ende der Geschichte. Wer in den Achtzigern ernsthaft ein Instrument in die Hand nahm, tat das meistens nur, um es gegen eine Wand zu schlagen. Düsseldorf, Manchester, irgendwo in Belgien – es krachte. Dabei war Techno noch gar nicht da.
Irgendwer sagte erstmal Electronic Body Music dazu. Andere Industrial. Eigentlich ging es nur um die totale Reduktion auf das Wesentliche: den Takt, die Maschine, Schweiß. Man zog Nietengürtel durch Nasenlöcher und bewegte sich in der Grauzone zwischen Kasernenhof und Kunsthochschule. Die Texte waren Kommandos. Die Beats: funktional wie eine Werkzeugbank.
Darauf entstand Musik für Menschen, die verstanden hatten, dass man die Welt nicht durch Singen verbessert. Sie programmierten Sequenzer so, dass die Realität für ein paar Minuten draußen bleiben musste. Manche setzten die Schweißerbrille auf und löteten live auf der Bühne für ein bisschen unterkühlten Hedonismus. Etwas, das in unserer Wellness-Gegenwart wie eine notwendige Ohrfeige rüberschallt.
Hier also: keine Retroplaylist für die nächste Ü-40-Party mit DJ Pflaumi. Sondern echte, ehrliche Stahlkappenschuhentritte in Form von zehn Tracks aus den Achtzigern, die den Weg für Techno ebneten.
Liaisons Dangereuses – Los Niños del Parque (1981)
Damals, sagt das Internet und meint eine Zeit, in der die Haare noch mit billigem Haarspray in Form gehalten wurden und die Welt in Düsseldorf am Ratinger Hof endete. Beate Bartel und Chrislo Haas saßen dort, rauchten vermutlich die falschen Zigaretten und erfanden, ganz beiläufig, den Rhythmus der kommenden Dekadenz.
Wir sprechen hier nicht von der Ära der Schulterpolster-Peinlichkeit. Das ist die Geburtsstunde der mechanischen Kaltblütigkeit. Es gibt keinen Songaufbau, nur die schallende Repetitions-Peitsche. Der Sequenzer stottert so knochentrocken, dass man beim Zuhören Angst um die Feuchtigkeit der eigenen Augäpfel bekommt. Dazu diese hingerotzte Bestandsaufnahme in einem spanisch-deutschen Sprach-Vakuum. Muyyy buenooo!
Liaisons Dangereuses schicken die Mahnung für den Exzess, bevor er exerziert werden konnte. Ohne das bunte Pillen-Gequatsche. Dafür als Wurzelbehandlung des, na ja, Pop. Übrigens: Wer das heute spielt, saniert den Dancefloor innerhalb von Sekunden. So viel zur Ent-Kitschung der Nacht.
Front 242 – Body to Body (1984)
1984 mussten Schulklassen noch nicht Orwell chatgptsieren. Sie hörten Front 242 – das war totalitär genug. Weil: Wer mit diesen Männern nach Melodien sucht, kann auch versuchen, in einem Steinbruch nach Zärtlichkeit zu graben. Der Beat ist eine einzige, metallische Hinrichtung jeglicher Harmonie. Die Vocals spuken als bloße Befehlsdurchsagen durch eine Fabrikhalle. Da ist kein Flehen, kein Werben, einfach ehrlicher Imperativ.
So läuft das dann. Vier Minuten. Eine Ewigkeit. Es gibt ja keine Bridges, nur Beton unter einer Dampfwalze, die jetzt immer weiterwalzt. Das ist funktional wie eine Regenjacke von Patagonia. Und darum geht es ja: "Body to Body" denkt den Dancefloor als System. Genau das wird Techno später groß machen.

DAF – Verschwende deine Jugend (1981)
Deutsche Befindlichkeit ist heutzutage: "Verschwende deine Jugend" auf eine sogenannte Vintagelederjacke von Humana kritzeln und heimlich die Videos von Finanzfluss gucken. Dabei war das mal eine ernste Sache. Anfang der Achtziger. Auf die Fresse. Oder Gummiabrieb. Zumindest Testosteron von zwei Achselmännern, die mit ein paar Songs die totale Lust am rasanten Verfall zelebrierten.
Der eine, Delgado, bellt seine Slogans wie ein Kasernenkommandant. Der andere, Görl, erklärt den Hedonismus zur Arbeit. So steckt in diesem Track mehr Techno-Wahrheit als in 35 Jahren Loveparade-Nachberichterstattung. Es ist die "Un-Kultur" des Augenblicks. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Nur Punk in die Maschine geprügelt, als ginge es um Stress ohne Grund.
Alle Songs des Artikel in einer Playlist:
Nitzer Ebb – Murderous (1986)
Man kommt ja heute gar nicht mehr dazu, so richtig streng zu gucken, ohne dass sofort jemand "Selfcare" ruft. Aber 1986, da war das Gesetz. Nitzer Ebb. Douglas McCarthy, der aussah wie ein BWL-Student, der gerade eine sehr schlechte Nachricht über seine Erbschaft erhalten hat, schreit uns an: "Don’t be lazy". Alle nicken.
"Murderous" klingt nach Chrom, nach Schweiß, nach einem Fitnessstudio, in dem die Hanteln aus russischem Panzerstahl rumliegen. Aber so ist das mit ehrlichem Verschleiß. Der Schweiß ist da kein Nebenprodukt, er ist das Ziel, das einen zwingt, die Ellbogen beim Tanzen so spitz zu machen, dass man zur Gefahr für die Umgebung wird.
Wer dazu nicht mindestens zwei Kilo Gewicht verliert oder eine existenzielle Krise bekommt, hat das Prinzip nicht verstanden. Der Track ist die perfekte Musik für Leute, die ihre Lederjacken ganzjährig ausführen und die Gefühle in der Tiefkühltrage lagern.
Section 25 – Looking From A Hilltop (Megamix) (1984)
1984. Factory Records. Bernard Sumner von New Order sitzt an den Reglern und dreht so lange an den Knöpfen, bis der graue Regen von Blackpool plötzlich nach Discokugel und Amphetamin schmeckt. Ja, wir schreiben hier den Moment, in dem die Post-Punk-Depression plötzlich merkt, dass man zur eigenen Verzweiflung auch großartig tanzen kann. Und es ist absolut großartig.
Das Ding war schließlich die Brücke zwischen Joy Division und dem Berghain. Genau die Art von Musik, zu der man in einem Club steht und so tut, als würde man auf sein Handy schauen, obwohl es noch gar keine Handys gibt. So eine schöne Zeit.
The Neon Judgement – The Fashion Party (1983)
Belgien, schon wieder. Offenbar war die Langeweile dort so groß, dass man sie nur mit modischer Militanz bekämpfen konnte. "The Fashion Party" ist jedenfalls der schönste Anti-Track, den man der Club-Couture in den ausgehungerten Nietengürtel stecken kann.
Ja, ja. Der Track schleppt sich voran wie ein Model auf zu hohen Absätzen, getragen von di-di-di-didiiis, die so dünn rumdümpeln wie zwei Beine auf dem Laufsteg. "It’s a fashion party", singen sie, und man spürt die Begeisterung in jeder Silbe.
Schnitt. Über 40 Jahre später. Alle wissen: Es geht um die Uniformierung des Individualismus. Trotzdem tragen alle Schwarz und schauen böse aus der Wäsche. Bis jemand das Licht ausmacht, damit niemand mehr sieht, wie einsam alle eigentlich sind.
Die Krupps – Wahre Arbeit, Wahrer Lohn (1981)
Drei Worte: Industrie, Stahl, Arbeit. Die Krupps haben das alles nicht metaphorisch gemeint.
Grauzone – Eisbär (1980)
Ja, Pop. Ja, Hit. Und trotzdem: "Eisbär" ist die Eisschicht auf einer Pfütze vor einer West-Berliner Diskothek. Könnte bei bloßer Berührung zerbrechen. Oder schön spiegeln, was man eh schon weiß: die Sehnsucht des modernen Menschen nach totaler Gefühllosigkeit.
Dann grölen alle mit. "Im kalten Polar!" Man will ja nicht mehr leiden, man will nur noch funktionieren. Von Bern bis Brandenburg. Von dem Bedürfnis, alle Heizkörper zu entlüften bis zur Realität, relativ viele Zigaretten zu rauchen, um bloß mit niemandem sprechen zu müssen. Auf dieser Party. In diesem Leben. Oder einfach beim GTA-Zocken.
A Split-Second – Flesh (1987)
Man sagt, in einem Club in Gent habe ein DJ versehentlich die 45er-Platte auf 33 Umdrehungen abgespielt, und plötzlich: Big Bang. Urknall. New Beat! Jene belgische Mutation, die Techno nicht kannte, aber aus Prinzip runterpitchte. Wahrscheinlich um irgendwas spürbar zu machen. Nicht im Solarplexus. Eher durch die Nase. Als Geruch von künstlichem Leder und dem Geist von gestern.
Was uns das sagt: Man ist erst dann ein Genie, wenn man den zweiten Gang reinbuttert, während alle anderen noch lichthupend auf der Überholspur rumbrettern. Der Track wurde jedenfalls so einflussreich, dass er sogar die Industrial-Skelette von Ministry beeinflusste. Ja, ohne den A-Split-Second-Unfall wäre Al Jourgensen heute noch ein Synthie-Pop-Bubi mit Föhnfrisur. Und Belgien bloß eine schlecht beleuchtete Raststätte zwischen Paris und Amsterdam.
Signal Aout 42 – Pleasure and Crime (1989)
Während in England der "Summer of Love" mit Smiley-Shirts gefeiert wird, setzen Signal Aout 42 die Schutzbrillen auf. Sündigen? Klar! Aber unter Einhaltung der DIN-Normen! Jacky Meurisse, der böse Blick hinter dem Ganzen, flüstert und grollt uns Wahrheiten entgegen, die so klebrig sind wie der Boden im KitKatClub morgens um sechs.
Pleasure ist die Verführung durch die Maschine. Crime: das Verbrechen, sich dieser Maschine noch nicht zu ergeben. Klingt nach Erlösung? Na ja. Das Faszinierende an SA42 ist diese fast schon sakrale Ernsthaftigkeit. Sie nehmen das wirklich ernst. Die Synthesizer klingen wie Kirchenorgeln aus der Hölle. Und man steht mittendrin und denkt: Ja, eigentlich ist es hier ganz furchtbar, aber warum fühlt es sich nur richtig an?
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