Wir drehen die Zeitmaschine auf Ende der 90er. Techno ist eigentlich fertig. Die sogenannte Szene so nachhaltigwie ein Einfamilienhaus an der Havel. Trotzdem denken alle, das geht jetzt immer so weiter. Bis es doch leise wird. Aber nicht auf diese einlullende Stille, nach der man sich sehnt, wenn man zu lange bei Karstadt die Rolltreppe hochfährt. Es setzt die coole Stille ein, denn: Minimal Techno ist da.
Es beginnt die Ära des Weglassens. Alle machen auf Marie Kondo: Bleiben darf nur, was Freude bereitet. Circa so wie ein unbezahlbarer Designerstuhl, der in einem 300-Quadratmeter-Loft rumsteht, auf dem man aber nicht sitzen darf, weil das die Symmetrie zerstören würde.
Wir reden hier von elektronischer Musik, bei der man sich gegenseitig mit der Anzahl der Klicks pro Takt beeindruckt. Oder in der ein einzelner, modulierter Sinuston als emotionale Offenbarung durchgeht. Minimal Techno ist – in den 2000ern – jedenfalls die Verweigerung gegen den Rave-Barock. Die 90er versuchten, alles mit bunten Lasern und Piano-Riffs zuzuschütten. Minimal zog den Stecker und fragte: "Brauchen wir das wirklich?"
Die Antwort finden wir vielleicht in zehn Tracks, die Minimal Techno geprägt haben.
Studio 1 – Grün (1995)
Hier ist sie also, die rheinische Kölschfröhlichkeit, die Wolfgang Voigt in die Kunstschul-Tiefkühltruhe gesteckt hat, um ausgiebig über die Sinnlosigkeit von leeren Räumen nachzudenken. Mit Studio 1 konnte Voigt, der Anti-Clown und Clooney-Klon, nämlich die radikale Antwort auf den "Wir sind jetzt alle lustig"-Schunkelschmarrn finden. Was wir hier hören, ist also nicht Techno im Sinne vonArme hoch und Konfetti im Gesicht. Es ist eher ein Witz.
Und zwar einer, bei dem nichts passiert. Bei dem niemand lacht. Was ja – wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt – der allergrößte Witz ist. Dass also Minimal Techno keine Musikrichtung ist, sondern eher eine Entscheidung. Eine, nicht mehr unterhalten werden zu wollen. Nicht mitgenommen werden zu müssen. Schließlich will man ja bleiben, wo man ist. In einer Ecke, im Keller. Wo die roten Nasen und das Funkenmariechen und der heilige Geist nicht hinfinden, täterää!
DBX – Losing Control (1994)
1994 ist die Welt eigentlich noch voll mit diesem unerträglichen Grunge-Gitarren-Gejodel, alle tragen Flanellhemden und schauen traurig drein. Aber Daniel Bell weiß, wo Robert Hood wohnt und wie Plastikman haust und macht: "Losing Control". Eine Zeitgeistoperation. Eine Zustandsuntersuchung. Irgendwas, das einem paranoid zuflüstert, was gleich passieren wird.
Während andere versuchen, Rave mit Pathos aufzuladen, drücktDaniel Bell die Luft raus. Macht Minimalismus, bevor das Wort zur Messe in Frankfurt wurde. Das Gute daran: Man verliert hier nicht wirklich die Kontrolle. Man simuliert sie. Was ein bisschen nach Detroit passt. Da war zwar alles sehr präzise, aber unaufgeregt revolutionär. So wie ein leerer Hinterhof in Prenzlauer Berg – und genau deshalb voller Möglichkeiten.
Margaret Dygas – Invisible Circles (2009)
Arschbombe ins Jahr 2009. Berlin ist das Epizentrum, alle sind hier, alle wollen diesen Vibe, aber Margaret Dygas, die ist woanders. Sie ist in den sogenannten Zwischenräumen. Anders kann man sich "Invisible Circles" nicht erklären. Der Track ist wie ein Gespräch, das man irgendwann in der Panorama Bar führen sollte, wenn man eigentlich schon längst hätte gehen müssen, aber die Unlogik der Nacht sich noch festkrallt.
Dygas schichtet Sounds wie hauchdünne Glasplatten. Und man wartet eigentlich nur darauf, dass alles zerbricht. Aber es hält. Ist aber auch kein Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Techno, sondern eher ein Mit-dem-Rücken-an-der-Wand-Gleiten. Das Ding schreit also dermaßen nach Perlon, dass es gar nicht auf Perlon rauskommen hätte dürfen. Und dann zum Glück doch rausgekommen ist, weil: ein bisschen verspielt, ein bisschen seltsam, sexy auf eine sehr intellektuelle Art. Das ging dort schon immer.
DVS1 – Running (2009)
2009 war eigentlich schon alles gesagt. Dachten alle außer Zak. Der besuchte Ben und sagte, jau, hier ein paar geile Ideen, was meinste? Klock wusste, it works! Der Rest ist Geschichtsauslegung. Die erste EP von DVS1 geht jedenfalls bis heute als Grundsteinlegung des modernen Minimal durch. Der da wäre: mathematische Kühle, die nicht wie Schleudertrauma klingt; physikalische Reduktion, die dieselben Effekte hervorruft wie zwei Stunden Schädelakupunktur; chemische Konzentration, bei der aus acht Minuten plötzlich zwölf Tage werden.
"Running" ist damit kein Track, den man beim Frühstück hören muss. Außer man plant, das Frühstück direkt danach wieder auszuspucken und barfuß durch Mitte zu rennen. Aber es ist die Selbstgeißelung, die man sich immer mal wieder geben sollte, sobald die Timeline wieder ein bisschen voll ist mit der Berliner Warnwestenhybris.
Sleeparchive – Elephant Island (2004)
2004 war das Jahr, in dem alle dachten, man hätte das mit dem Minimal verstanden, nur weil man drei Richie-Hawtin-Platten im Schrank stehen hatte und sich die Haare asymmetrisch schneiden ließ. Und dann kommt dieser Typ, der sich Sleeparchive nennt und knallt "Elephant Island" hin. Roger Semsroth (so heißt der Typ hinter dem Pseudonym, was natürlich viel zu bürgerlich klingt für diesen Sound) hat hier die ästhetische Entsprechung zu einer intensivmedizinischen Abteilung geschaffen. Alles ist steril und weiß, alles piepert mit einer beängstigenden Operationstischregelmäßigkeit. Und doch …
Da ist es, das Geräusch, das entsteht, wenn man versucht, die Unendlichkeit in einer Postleitzahl unterzubringen. Und so kommt es, wie es kommen muss: Wer "Elephant Island" versteht, der weiß auch, warum man damals angefangen hat, nicht mehr zu lächeln. Es gab einfach keinen Grund dafür, solange die Hi-Hats so perfekt saßen.
Ellen Allien – Stadtkind (2001)
Damals ist Berlin noch nicht die durchgentrifizierte, Matcha-trinkende Wellnesshölle von heute. Es gibt sogar Lücken, die keine Investorenprojekte sind. Man feiert, weil man will und nicht, weil man muss. Und "Stadtkind" ist das Hymnentamtam an diesen kaputten, wundervollen Betonhaufen von, äh, damals.
Wir hören hier also das Dokument einer Ära, bevor Berlin zur Hollywoodkulisse wurde. Es war wahrscheinlich kantig und chic. Und dieser Track passte sehr gut, war er doch absolut größenwahnsinnig in seiner Schlichtheit. Hört man das in Zeiten, in denen Slim-Fit-Philosophen in Feuilletonartikeln über Clubsterben diskutieren, trägt man innerlich sofort wieder eine viel zu enge Nylonjacke und wartet auf den Morgen. Der ja immer kommt, aber heute mehr so hell sein wird wie in diesem einen Moment, du weißt schon, damals.
Paul Kalkbrenner – Vier (2000)
Bevor wir alle in diese weichgespülte "Berlin Calling"-Psychose abgedriftet sind, bevor Paul Kalkbrenner zum heiligen Franziskus der Sonnenuntergangs-Raver wurde und für Leute spielte, die ihre Steuererklärung pünktlich abgeben, gab es das Jahr 2000. Ein Jahr, in dem man noch dachte, das Millennium-Problem würde uns alle erlösen, aber stattdessen bekamen wir diese EP auf BPitch Control.
Alle Tracks sind gut, aber nur "Vier" hat diese ganz tolle Art von Berliner Arroganz, die noch nicht weiß, dass sie bald von EasyJet-Touristen in Flip-Flops konsumiert wird. Kalkbrenner sitzt da ja noch in seinem Kämmerchen und klöppelt Beats zusammen, die so spröde und humorlos sind wie eine Sachbearbeiterin im Bürgeramt. Quasi die akustische Entsprechung zu einer Packung Billigzigaretten am Morgen danach. Es kratzt, es macht schlechte Laune, aber man redet sich ein, es gehöre zum Lebensgefühl.
Was es ja tut. Irgendwann.
Thomas Brinkmann – Anna 1 (1998)
Bevor das "Minimal"-Ding zu einem Accessoire für Leute verkam, die sich in Berliner Lofts ihre Siebträgermaschinen vorführen, war es das hier. Paff. Paff. Paff. Als würde jemand mit einem nassen Handtuch gegen eine Tresortür schlagen. Keine Melodie. Zero Zucker. Eigentlich das große Nichts. Brinkmann, der Schnittige, hat nämlich ein paar Rillen in die Platte gestanleymessert. Das heißt: Wenn die Platte springt, wenn sie knackt, wenn neue Kratzer dazukommen – dann wird der Track eigentlich erst fertig. Natürlich grölten die Loveparadedramatiker, das sei alles viel zu akademisch und gehöre in die Kunstgalerie zu den Leuten, die französischen Rotwein aus Plastikbechern trinken und über Musique concrète oder irgendeine andere Rebsorte dozieren. Aber imErnst. Da – in diese "Meine Workout ist Suhrkamp-Bücher rumtragen"-Blase – wollte Brinkmann ja hin.
Oder er hat einfach nur ehemaligenLiebeleieneinpaarschöne Platten gewidmet.
SND – 00030 d.5 (2000)
Wenn man glaubt, man hätte das Prinzip der Reduktion verstanden, weil man einmal unfallfrei eine unbedruckte White-Label-Platte auf den Teller gelegt hat, dann kommen Mark Fell und Mat Steel und zeigen einem, dass man eigentlich noch gar nichts begriffen hat. Während der Rest der Welt sich noch an Restbeständen von Euphorie abarbeitet, ziehen diese beiden Briten die Vorhänge zu und fangen an, das Skelett des Technos mit einer Pinzette zu zerlegen. Ergebnis: Musik für Leute, die beim Sex die Primzahlen bis zehntausend aufzählen, um nicht zu früh zu kommen.
Ja, SND haben das geschafft, was man irgendwann mal "Clicks & Cuts" nannte, aber sie haben es so radikal zu Ende gedacht, dass selbst die radikalsten Minimalisten plötzlich nervös an ihren Rollkragenpullovern nestelten. Weil: Wenn es klingt, als wäre die Festplatte kaputt, dann ist es wahrscheinlich Kunst. Nur sind wir alle viel zu feige, das Gegenteil zu behaupten.
Ø – Twin Bleebs (1994)
Finnland muss man sich als aggressive Einsamkeit vorstellen, in der man so lange auf einen zugefrorenen See starrt, bis das Eis anfängt, zurückzustarren. Genau dort oder woanders, jedenfalls in inspirierendem Idyll, dürfte Mika Vainio – Gott hab ihn selig – "Twin Bleebs" aufgenommen haben. Den etwas anderen Physikunterricht. Es geht ja nur um zwei Töne. Mehr brauchte Mika nämlich nicht, um das gesamte Konzept von "Komposition" als maßlose Übertreibung zu entlarven.
Über 30 Jahre später darf man ruhig zugeben, dass Techno nichts mit lauten Bässen zu tun haben muss, sondern mit der Kontrolle über die Stille. Spätestens dann feiert man diesen Track als das, was er war und immer sein wird: ein zeitloses Monument der elektronischen Musik, das uns daran erinnert, dass am Anfang das Signal war – und am Ende auch nichts anderes sein wird.