Afrobeat wurde in Lagos erfunden, in London weitergedacht, in New York gesampelt. Und dann jahrzehntelang von der Plattenindustrie so gründlich vergessen, dass die eigentlichen Helden des Genres Taxi fahren mussten, während ihre Platten in Kellern verstaubten.
Bis jemand die Keller lüftete. Und die Reissue-Labels kamen. Luaka Bop, Strut, Awesome Tapes from Africa, Mr. Bongo. Sie fingen an, das Vergessene zurück in die Welt zu stöbern. Eine Kassette aus Ghana hier, eine nigerianische Privatpressung dort. 30, 40 Jahre später erscheinen sie neu und bringen ihre Macher auf die Weltbühne.
Dabei ist der Reissue-Boom so etwas wie Gerechtigkeit im Zeitlupentempo. Zu spät für manche, gerade rechtzeitig für alle anderen. Er zeigt, dass Afrobeat breiter ist als Fela Kuti, tiefer als die üblichen Verdächtigen. Und seltsamer als jede Schublade, in die man ihn stecken will.
Hier also: keine Hitparade, aber zehn Afrobeat-Tracks, die man kennen sollte.
William Onyeabor – Fantastic Man (Wilfilms, 1980)
Ein Mann baut sich ein Studio in den Busch, kauft Synthesizer, die sich in Europa niemand leisten kann, und macht dann Musik, die klingt als hätte Giorgio Moroder einen Juju-Arzt konsultiert. William Onyeabor ist der größte Selbsterfinder der afrikanischen Musikgeschichte, quasi: ein Phantomingenieur des Groove, der später zum Gebet konvertierte und sich weigerte, je wieder über seine Platten zu reden. "Fantastic Man" ist jedenfalls das Dokument dieser Hybris: Disco-Maschinen treffen auf Afrobeat-Hirn, und das Ergebnis ist so funky und sperrig zugleich, dass man beim Hören entweder reflexartig zu schreien beginnt oder schlagartig zu schreien aufhört. Beides ist richtig. Onyeabor wollte übrigens das ganze Geschrei kontrollieren, Pressung, Vertrieb, der ganze ausgemergelte Rattenschwanz – und dann ließ er jahrzentelang gar nichts mehr raus. Erst das Reissue-Label Luaka Bop holte ihn zurück. Zu spät für den Ruhm, gerade richtig für die Nachwelt. Fantastic Man, natürlich!
Lijadu Sisters – Danger (Decca, 1976)
Niemand redet über diese Zwillingsschwestern, obwohl sie genau das gemacht haben, was Fela Kuti gemacht hat, nur ohne die Mythologie, ohne die Verhaftungen, ohne das Männlichkeitsspektakel drumherum. Die Lijadu Sisters kreuzigten Afrobeat mit Soul und Funk und schufen dabei einen Sound, der weicher klingt als Fela und trotzdem genauso hart trifft, weil er aus einer vollständig anderen Körperhaltung kommt: nicht Konfrontation als Machopose, sondern Weichheit als Reflex. "Danger" ist ihr bestes Lied – zweistimmiger Gesang, der sich ineinander verschlingt wie nur Zwillinge das können. Dazu der Rhythmus, der drängt. Und eine Energie, die den Rumble in den Jungle bringt. Deshalb auch: jahrzehntelang vergessen, vom Knitting Factory Label aber wiederveröffentlicht. Schließlich von Plattennerds in Kellern entdeckt und nach oben geflüstert. Das Schöne an dieser Geschichte: Sie ist noch nicht zu Ende.
Ebo Taylor – Heaven (Essiebons, 1981)
Ebo Taylor ist der Typ, den jeder kennen sollte und den fast niemand kennt, außer denjenigen, bei denen man immer das Gefühl hat, sie können die Gesamtauflage der Spex am Geruch unterscheiden. Ghana, Highlife, Afrobeat, Jazz – Taylor hat das alles zusammengedacht, als andere noch damit beschäftigt waren, eines davon ordentlich zu spielen. "Heaven" ist deshalb Polyphonie auf mehreren Ebenen. Da wickeln sich Melodien um eine Bassline, für die sich drittklassige DJs die Achselhaare rasieren. Das Problem ist nur: Ebo Taylor lief jahrzehntelang unter dem Radar, wurde hauptsächlich als Sample-Quelle wahrgenommen – von Producern, die klüger waren als ihre Plattensammlung. Seit dem Reissue-Boom der letzten Jahre bekommt er endlich die Bühnen, die er verdient. Zu spät, um in der Hölle zu schmoren. Zu früh, um das Ticket in den "Heaven" zu buchen.
Ata Kak – Obaa Sima (1994)
Ata Kak hat diesen Track auf einer Kassette aufgenommen, in Kanada, in einem Zimmer, für sich selbst und für seine Familie daheim in Ghana. Dahinter stand weder eine Plattenfirma noch ein Budget, vor allem aber kein Plan außer: Musik machen. Die Kassette kursierte, irgendwie, wurde kopiert und weiterkopiert und irgendwann tauchte sie beim Plattendetektiv Brian Shimkovitz auf, der unter dem Namen Awesome Tapes from Africa veröffentlicht, was er sonst in Hinterhöfen von Lagos findet. "Obaa Sima” ist das Ergebnis dieser Entdeckungsgeschichte: Highlife trifft auf DIY-Electro trifft auf eine Energie, die man nicht produzieren kann, weil sie aus vollständiger Freiheit entsteht. Ata Kak wusste nicht, dass er eine Platte macht. Deshalb klingt sie so. Als das offizielle Reissue 2015 erschien, stand Ata Kak plötzlich auf Weltmusik-Festivals und schaute auf ein Publikum, das wegen ihm da war. Die schönste Geschichte dieses Jahrzehnts. Nein: die schönste Geschichte überhaupt.
Tony Allen – Afro Disco Beat (EMI Nigeria, 1979)
Ohne Tony Allen kein Afrobeat. Das wusste Fela Kuti auch, weshalb er seinen Drummer jahrelang unterbezahlte und überarbeitete, bis Allen irgendwann die Koffer packte und solo weitermachte. Gott hab ihn selig, sonst wäre "Afro Disco Beat" vielleicht nie entstanden. Ein Track, der beweist, dass Tony Allen das rhythmische Gehirn dieser ganzen Geschichte war – nicht der Kopf, nicht das Gesicht, das Brain. Während Fela die großen politischen Gesten brauchte, machte Allen einfach den perfekten Track. Da war nichts Bombast, schon gar kein Manifest. Nur der ewige Groove, der sich anfühlt wie ein physikalisches Gesetz. "Disco” steht da übrigens, weil 1979 eben Disco war und Allen ein kluger Mann war, aber Disco ist das nicht wirklich. Eher Dancefloor-Rationalismus auf Catenaccio-Niveau. Funktionsmusik im besten Sinne also: Sie funktioniert, weil sie gar nicht anders kann. Allen starb 2020. Der Groove übrigens nicht.
Seun Kuti & Egypt 80 – Black Times (Strut, 2018)
Seun Kuti ist der jüngste Sohn von Fela, spielt mit Felas Original-Band und klingt trotzdem keine Sekunde lang nach Nostalgie. Das ist die eigentliche Leistung. Oder dringende Notwendigkeit. Denn: "Black Times" ist politisch aufgeladener Afrobeat für eine Welt, die schlechter geworden ist und deshalb bessere Musik benötigt. Karriem Riggins hat das produziert – yes, der Karriem Riggins, Detroit, J-Dilla-Universum, der Mann, der Rhythmus versteht wie andere Leute die Grundrechnungsarten. Das Ergebnis: Egypt 80 spielt wie eine Einheit, die sich seit Jahrzehnten kennt. Spoiler: Weil sie das auch tut. Nur Seun Kuti steht vorn und schreit das raus, was rausgeschrien werden muss. Die Feuilletonteufel schreiben, das sei Erbe verwalten. Dabei ist es Erbe anfeuern, bis alles verbrannt ist. Schwarze Zeiten, schwarzer Groove, schwarzes Bewusstsein. Cheers!
Hailu Mergia – Musicawi Silt (Kaifa Records, 1977)
Hailu Mergia war einer der größten Musiker Äthiopiens, spielte in der besten Band des Landes, dem Walias Band, und fuhr dann Taxi in Washington D.C., weil das Leben so ist und nicht anders. Die Musik blieb trotzdem. Wurde wiederentdeckt, wurde neu veröffentlicht, von Menschen gehört, die noch nicht geboren waren, als Mergia in Addis Abeba spielte. "Musicawi Silt" ist kein Afrobeat im nigerianischen Sinne, eher lustige Pentatonik und etwas, das sich nicht benennen lässt, weil es in keiner westlichen Schublade vorgesehen war. Mergia spielt Akkordeon und Keyboard gleichzeitig und sieht dabei aus, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Ist es auch. Für ihn. Der Rest der Welt brauchte nur ein paar Jahrzehnte, um aufzuholen. Jetzt ist er auf Tour. Weil das Leben so ist und nicht anders.
Mdou Moctar – Afrique Victime (Matador, 2021)
Niger, Tuareg, Hendrix im Sahara-Staub – und ein Bandname, den niemand richtig ausspricht. Mdou Moctar macht Musik, die aus der Wüste kommt und sich trotzdem wie festgestampfter Dancefloor anfühlt. "Afrique Victime" ist der Titeltrack des Albums, das alles veränderte: Moctar sang über den Neokolonialismus, über Ressourcenausbeutung. Schlicht über das, was in Afrika passiert während der Rest der Welt fröhlich Avocadobrote isst und auf 400-Euro-Yogamatten rumturnt. Na ja, Matador Records – das Indie-Label, das sonst Pavement und Liz Phair veröffentlicht – hat ihn jedenfalls gesigned. War eine gute Entscheidung, man darf auch sagen: die richtige Kollision. Afrobeat trifft Desert Blues trifft Post-Punk-Labelästhetik. Ergebnis: geil.
Osibisa – Sunshine Day (MCA, 1976)
Osibisa waren der erste wirklich globale Afrobeat-Act: ghanaisch-britisch gegründet, spielten sie Anfang der Siebziger vor fünfzigtausend Menschen auf Festivals, tourten durch Japan, Europa, die Welt. Und dann vergaß sie diese Welt, weil die Welt vergesslich ist und weil Osibisa nicht in eine Schublade passten, die gerade in Mode war. "Sunshine Day" ist ihr strahlendster Moment: ein Afrobeat-Track, der sofort Glück produziert. Drei Sekunden rein, und der Körper reagiert, bevor das Gehirn überhaupt registriert, was gerade passiert. Das nennt man Songwriting. Von mir aus auch Afrobeat. Über Club-Edits und Reissue-Labels läuft die Rückkehr von Osibisa übrigens auf vollen Touren. Nicht zurückschauen, sagen sie. Immer vorwärts, immer tanzen.
Fela Kuti – Zombie (Kalakuta Records, 1977)
Der, aha, Afrobeat-Klassiker! Das nigerianische Militär marschierte nach Veröffentlichung von "Zombie" in Fela Kutis Kalakuta Republic ein – seine selbst ausgerufenen Republik innerhalb von Lagos –, verprügelte Hunderte, warf Felas 82-jährige Mutter aus dem ersten Stock. Sie starb kurz darauf. Das ist der Kontext. Wer "Zombie" hört ohne diesen Kontext, hört einen der größten Afrobeat-Tracks aller Zeiten. Wer ihn mit Kontext hört, hört eine Bombe. Fela nannte das nigerianische Militär Zombies – gehirnlose Befehlsempfänger, die marschieren, wenn man marschieren sagt, töten wenn man töten sagt. Keine Metapher, direkte Anklage. Über zwölf Minuten, Wiederholung als Zaubertrick. Fela wurde dafür verhaftet, gefoltert, exiliert. Er machte weiter. Immer weiter. Zombie läuft noch. Die Zombies auch, leider.