Alte Realkeeper-Weisheit: Sobald alle deine Musik hören, ist es vorbei. Coolness, also, dieses verstaubte Wetten-dass-Gefühl, das sich einstellt, wenn man Discogs-B-Seiten von finnischen Dub-Techno-Labels aus 1997 nach Farbe ordnet, ja, Coolness ist wie Skrillex im Berghain. Und nirgends kommt die Reaktion so zuverlässig wie in Techno und House, wo Menschen noch immer vom Underground fabulieren. Um dann in den Kommentarspalten darüber zu dozieren, dass der echte selbstverständlich erst da beginnt, wo Boiler Room absagt.
Ja, die Rechnung geht immer so: Ein Sound ist neu. Ein paar Leute verstehen ihn. Ein paar mehr tun so, als würden sie ihn verstehen. Ein Algorithmus versteht ihn wirklich. Danach ist er offiziell tot. Schlechtes Beispiel? Bicep! Oder wie war das eigentlich, als "Glue" plötzlich überall war: im Club, im Café, im Drogeriemarkt bei den veganen Shampoo-Proben. Überall Menschen, die süß berührt schauten, als hätten sie gerade das erste Mal Drogen probiert. Und du, in Gedanken: "Danke, ist jetzt ruiniert!"
Der erste Sargnagel für jede subkulturelle Coolness ist also nicht der Mainstream, sondern die Vorstellung vom Mainstream. Kaum taucht irgendwo ein TikTok-Schnipsel auf, in dem sich jemand zu deinem geliebten Track sein Avocadobrötchen schmiert, schreist du innerlich "Verrat!". Obwohl du denselben Track gestern noch deinem besten Freund geschickt hast, mit dem Zusatz: "Ey, musst du unbedingt hören!"
Achtung, Angriff!
In Clubs kursiert eine Art paranoide Aura, die jedes musikalische Ereignis sofort kontaminiert, sobald es die Grenze zwischen "Geheimtipp" und "Playlist-Feature" überschreitet. Es ist, als hätten wir gelernt: Coolness ist nur die Abwesenheit der Öffentlichkeit. Sobald jemand anderes mitredet, fühlt es sich an wie ein Angriff aufs Immunsystem.
Wir benehmen uns dabei wie schlechte Eltern: Eigentlich wollen wir, dass unser Lieblingssound wächst, aber wehe, er wächst zu sehr. Dann ist es plötzlich "Kommerz" – ein Wörtchen, das in der Clubkultur ungefähr denselben Stellenwert hat wie "Erdbeersekt" bei Menschen, die Wein bevorzugt mit Jahreszahlen bestellen.
Und so kommt es: Ein Track, den man seit Monaten im Set spielt, landet in irgendeiner Spotify-"Techno Bangers"-Liste. Ein DJ, den man gerade noch vor 40 Leuten gesehen hat, wird plötzlich in einem Boiler Room abgefilmt. Und die Kommentare sind voll mit Menschen, die "soooo vibyyyy" schreiben, während sie offensichtlich nicht wissen, dass du das damals alles schon gewusst hast.
In diesem Moment explodiert im Kopf aller Realkeeper eine Sicherung. Denn plötzlich sind andere Leute da. Leute, die sich nicht erst durch elitäre Plattenläden geprügelt haben. Leute, die einfach nur tanzen, nein: Spaß haben wollen. Also Leute, die den Track wirklich mögen. Was ja das Problem ist, denn: Nichts ist bedrohlicher für Coolness als echte Begeisterung.
Stinke, Winke!
Es gibt kaum eine Szene, die so extrem auf Distinktion angewiesen ist wie die der elektronischen Musik. Dort will man die echte Zugehörigkeit schon lange nicht mehr an Kleidung oder Dialekt (Gott sei Dank) erkannt haben, sondern am Wissen. Über Labels, Katalognummern, Equipment, Mixdowns, Subfrequenzen und die Frage, ob ein Set wirklich live ist oder nur "live".
Wenn dieses Wissen plötzlich jedem zugänglich ist, sei es algorithmisch sortiert oder hübsch frisiert, jedenfalls ohne Mühe chatgptsiert –, dann bricht das ganze qualvoll zusammengezimmerte Kartenhaus der, ja, wir sagen es gemeinsam: Au-then-tizi-tät zusammen. Coolness soll nämlich Arbeit sein. Während der Mainstream die Freizeit ist, die man ja grundsätzlich zu verachten hat.
Das Ding ist: Der Geschmack selbst verändert sich nicht. Nur die Wahrnehmung. Der Track klingt genauso gut wie vorher. Die Bassline macht bei Musikjournalisten immer noch was, sonst hätten sie den nicht als inneren Monolog oder so bezeichnet. Nur … Man kann das alles nicht mehr hören, weil es zu viele hören. Es ist wie ein Lieblingsrestaurant, das einen Zeitungsartikel bekommt. Am nächsten Tag stehen Menschen davor, die noch nie etwas von fermentiertem Kimchi gehört haben, aber sich beschweren, dass es "nach Furz" riecht.
Nur, genauso plötzlich stehen diese Leute im Club, die Techno nicht als Weltanschauung, sondern als temporärtrendiges Wochenendhobby begreifen. Deshalb reagiert die sogenannte Szene darauf, als wären es Invasoren, als wäre das ein Blitzkriegbumms, bei dem alle tanzen dürfen. Und zwar, oje oje, ohne Aufwand.
Da ist er also, der Grund, warum coole Musik sofort "uncool" wird, sobald sie populär wird. Weil sie uns daran erinnert, dass unsere Identität auf brüchigem Fundament steht. Dass wir nichts Exklusives besitzen. Dass wir ersetzbar sind. Und dass diese tolle finnische D-Seiten-Pressung nicht uns gehört, nur weil wir sie bei Discogs in die Haben-Liste geschoben haben.