Die 7 Todsünden im Techno
Foto: Moreno Matković auf Unsplash

Die 7 Todsünden im Techno

News. 30. April 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Techno wollte alles anders machen. Und macht inzwischen vor allemsich selbst nach. Was als Gegenkultur begann, ist längst ein Regelwerk mit Awareness-Team und Merch-Shop. Man tanzt reflektierter, konsumiert bewusster, scheitert nachhaltiger. Der Hedonismus trägt Etikett und Ethik. Und: Zwischen Kollektivarbeit, Soundhealing und Funding-Anträgen summt die Vergangenheit. Ein bisschen Anarchie, ein bisschen achselschweißelndes Chaos, aber ganz sicher kein Konzept. Na ja, jede Religion braucht ihre Sünden. Techno hat gleich sieben davon.

Authentizität

Authentizität ist die große Währung der Szene, aber längst inflationär: ein DJ, der irgendwas mit real sagt, verstöpselt USB-Sticks mitSponsor-Branding; Producerinnen geben Interviews über ihre persönlichste Platte und klingen dabei wie Marketingabteilungen mit Hang zum Manifestieren. Der Grund? Was Haltung war, ist heute: Identitätspaket mit Presstext von ChatGPT. Zum Glück ist Techno dort genau das ist, was es sein soll: Zweck zur Selbstdarstellung. Dafür kuratiert, poliert, jedenfalls approved.

Nostalgie

Die gefährlichste aller Sünden! Schließlich tarnt sie sich als Gefühl.Nostalgie riecht ja nicht umsonst nach kaltem Zigarettenrauch und tut so, als wäre das Geschichte. Zurück wollen trotzdem alle: zu Tresor, E-Werk, Ostgut, jedenfalls ins Früher, wo noch echte Leute gefeiert haben. Die Neunziger sind also die letzte Sehnsuchtsausfahrt für Menschen, die auf YouTube unter eine verpixelte Party von 1992 kommentieren. Dort feiert man den Rave nochmal durch. Weiß, dass alles besser war, weil man alles vergessen hat. Gleichzeitig rekonstruiert man den Dreck, den ein paar Jahre strukturiertes Leben längst desinfiziert haben. Der ehemalige Underground wird zum Erinnerungsstück, das man sich über die Couch hängt. Und während alle so tun, als könnten sie die Zeit zurückdrehen, läuft im Hintergrund ein Track, der seit 30 Jahren dasselbe sagt: vorbei, vorbei, vorbei.

Techno
Foto von Smithsonian auf Unsplash

Kollektivismus

Wo früher jemand einfach auflegte, steht heute ein Team dahinter: Grafik, Awareness, Booking, Nachhaltigkeit. "Wir machen das gemeinsam”, sagen sie, und meinen: "Wir teilen uns die Kosten, falls es schiefgeht.” War sicher mal romantisch, so um 1968. Heute sind Kollektive ein Verwaltungsakt. Slack-Channels, Google-Docs, Moodboards. Aus Leidenschaft wird "wer macht heute Protokoll?”. Und ja, sicher gibt es noch jene, die es ehrlich meinen, die einfach nur Räume schaffen wollen. Aber selbst das aufrichtigste Kollektiv braucht irgendwann ein Label. Und sobald es ein Label gibt, gibt es Hierarchien. Die Gruppe wird Marke, die Marke wird Booking-Agentur. Irgendwann schreibt einer ein Konzept über die kollektive Ablehnung von Machtstrukturen und schickt es an die Kulturförderstelle. Was soll man sagen: Kollektive sind die perfekten Organismen unserer Zeit. Sie tun so, als wären sie unkommerziell, während sie an den Markt angepasst sind wie Start-ups mit DJ-Fetisch.

Auch interessant

Von der Loveparade zum Business-Techno: 7 Dinge, die die Rave-Kultur auf dem Weg verloren hat
Von der Loveparade zum Business-Techno: 7 Dinge, die die Rave-Kultur auf dem Weg verloren hat
Zwischen dem ersten illegalen Rave und dem letzten Matcha-Tänzchen ist etwas verloren gegangen. Kein einzelner Moment, sondern sieben Dinge, die das Business dem Technogeklaut hat. Von der Anonymität bis zur herrlichen Nutzlosigkeit: eine Bestandsaufnahme dessen, was übrig bleibt, wenn der Underground zum Lifestylewird. 1) Das Gesicht Man war eine Silhouette im Nebel, ein Schatten in … Continued Zum Artikel

Nachhaltigkeit

Die Szene ist toxisch, aber der Dancefloor, der wird jetzt kompensiert. Es gibt CO2-neutrale Festivals, Seifenblasen in Bio-Qualität und Klos, die sich selbst kompostieren, solange man in den Wald scheißt. DJs posten stolz ihre Bahnfahrten, vergessen aber den Rückflug. Vinyl ist immer noch geil, umwelttechnisch aber ein Desaster. Streaming dummerweise auch. Also bleibt der moralische Tanz ums Nichts: ein Perpetuum mobile aus schlechtem Gewissen und Greenwashing. Der Rave soll ja nicht nur Spaß machen, er soll auch Sinn stiften. Nachhaltigkeit ist deshalb das Klingelwort des Hedonismus. Jede Mateflasche erzählt vom Klimawandel, jede Afterhour klingt wie ein Podcast mit Marisa Becker. Das Problem ist: Man kann ungefähr so nachhaltig feiern, wie man pädagogisch wertvoll trinkt. Aber ist ja egal, solange im Förderantrag steht, dass Techno aus dem Bambusbecher besser schmeckt. 

Spiritualität

Kaum war die letzte Pille geschluckt, kam das Mantra. Also vor ungefähr 300 Jahren, als Techno seine Chemie entdeckt und natürlich sofort vermarktet hat. Aus Tanzen wurde Transformation. Ein paar Trendkurven später ist das: "Breathe in, let go”. Man findet Räucherstäbchen geil, Zigaretten weniger. Trinkt Tee statt Tequila. Und doch: Die Trance ist irgendwie geblieben. Nur das Narrativ hat sich geändert: Es geht nicht mehr um Rausch, sondern um Heilung. Techno ist nämlich zum Kuraufenthalt geworden, ein spirituelles Rebranding der Ekstase. Und wie bei jeder gut sortiertenEsoterikecke bleibt am Ende eine Leere, die sich verkaufen lässt. Vielleicht war das ja die eigentliche Offenbarung: Dass der Weg nach innen nur ein Umweg zum Merchstand ist.

Netzwerkerei

Man tanzt nicht mehr, man ist zum Networken da. Clubs sind nämlich Coworking-Spaces mit frischen Fruchtsäften und einem jungen, engagierten Team. Der Rausch? Kickt erst, wenn Instagram-Handles und Linkedin-Links getauscht sind. "Lass mal was zusammen machen” ist dann der neue Balzruf, "Ich liebe, was du machst” die höfliche Drohung, dass da bald mal jemand in deine DMs reinschlittert. Sogar die Afterhour ist zur Pitch-Session geworden, und Backstage … na ja. Dort, wo man früher die richtigen Drogen nahm, sammelt man jetzt Businesspläne. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der das nächste Line-up kuratiert. Freundschaft ist dabei nur noch eine Übergangsform bis zum nächsten Wochenende. Selbst Gespräche klingen inzwischen wie AGBs: nett formuliert, aber mit Haftungsausschluss. Wer da nichts anzubieten hat, ist unsichtbar. Also jongliert man zwischen Nähe und Nutzen, klickt strategisch auf Like und tanzt taktisch. Für die Story. Für die Firma.

Awareness

Awareness klingt nach Rücksicht, fühlt sich aber an wie ein Blockseminar, aus dem man nicht mehr rauskommt. Schließlich ist jetzt alles zertifiziert. Es gibt Awareness-Teams in fluoreszierenden Westen, die im Club patrouillieren und sagen, wie es sicher ist. Das Rave-Gesetzbuch – Paragraf Eskalation, Absatz Kontrollverlust, Nummer Chaos – wurde gegen Wohlfühlpädagogik eingetauscht. Niemand darf mehr stürzen, stolpern oder scheitern, ohne dass jemand daneben steht und nachfragt, ob das eh ok war. Sogenannte Awareness-Arbeit ist die moralische Variante von einem Polizeieinsatz: Man fühlt sich beschützt, aber irgendwie auch bedroht. Natürlich hat das alles seine Berechtigung. Nur hat man irgendwann vergessen, dass die Sache mit der Nacht immer auch darin lag, nicht alles zu verstehen. Jetzt ist alles erklärt, geregelt, reflektiert. Die Nacht darf stattfinden. Also, na ja, wenn sie vorher genehmigt wurde – mit laminiertem Leitfaden, 23-seitigem Awareness-Konzept und Feedbackbogen hinterher.

Techno Techno Techno

Veröffentlicht in News

Deine
Meinung:
Die 7 Todsünden im Techno

Wie findest Du den Artikel?

ø: