Wien, Ende der Achtziger. Die Stadt ist grau, die Fassaden blättern in einer Geschwindigkeit ab, die man heute nur noch von Gentrifizierungs-Gegner-Alpträumen kennt. Am Gürtel stehen Frauen, die zwischen zwei Freiern über die Trockendauer ihrer Buntwäsche referieren. Und überall gibt es Spritzer für 35 Schilling.
Dann fällt der Eiserne Vorhang und das Kaff stellt fest, dass es nicht mehr der Kopfbahnhof der Welt ist. Während Berlin mit preußischer Präzision schon Techno aus dem Keller stampft, macht man in Wien nach akademischer Viertelstundenverzögerungauch mit. Es ist die Geburtsstunde dessen, was das britische Wire-Magazin später "Vienna Tones" taufen wird.
Wobei: Patrick Pulsinger und Erdem Tunakan betreiben mit Cheap Records eher eine Art von Verstümmelung. Sie machen Techno, der klingt, als würde man Schrauben in ein Mahlwerk werfen. Parallel dazu mutierten die Gasometer in Simmering zum neuen Underground. Bevor sie zu einem seelenlosen Einkaufszentrum mit angeschlossener Wohnkaserne kastriert wurden, waren diese riesigen Ziegelzylinder die Kulisse für Raves, die sich anfühlten wie der Endkampf in einem Cyberpunk-Roman.
Wien tauschte die räudigen Spritzen der achtziger Jahre gegen die Gute-Laune-Pille der neunziger. Es entstand – wie überall sonst – ein chemischer Optimismus, der – wie nirgends sonst – noch nicht zur hiesigen Leichenbittermiene passen wollte.
Cheap? Kruder & Dorfmeister fahren in der Limo vor!
Aber nicht alle wollen zu Bum-Tschak-Tralala feiern. Ein paar schluckt auch die Sofaritze. Kruder und Dorfmeister, zum Beispiel. Sie packen den kargen Wiener Techno-Geist, parfümieren ihn und nennen es Downtempo. Anders gesagt: K&D entführen dem Dub seine Melancholie und machen daraus etwas, das man, äh, genießen kann. Das ist der Sündenfall oder die Erlösung, je nachdem, wen man fragt. Jedenfalls sind die "Vienna Tones" plötzlich nicht mehr nur kaputte Maschinen, sondern der perfekt gerollte Ofen im Designer-Sessel.
Oder einfach nur der Grant im Kaffeehaus. Schließlich hatte Downtempo im Gegensatz zu Techno immer diese urwienerische "Schau ma mal"-Einstellung, für die deutsche Numerus-Clausus-Flüchtlinge inzwischen allsemesterlich nach Wien finden. Das kann man kollektive Unlust an der Geschwindigkeit nennen. In den 90ern war es der Grund, einfach mal sitzenzubleiben und rumzugranteln.
Downtempo wird – auch wegen des Sitzenbleibens – zum sogenannten Exporterfolg. Während die Verrückten Kühlschränke sampeln und die Elektronik vom akademischen Mief befreien, werden Kruder & Dorfmeister in Stretchlimos abgeholt. In der Heimat regiert der Neid. Gezeichnete Kulturkritiker schimpfen über "Portishead für die Ärmsten" und "Aufrissmusik für neureiches Gesindel". Andere sehen in den Sessions nur ein "Dazuzwirbeln" von Effekten zu fremden Nummern. Es ist der Grabenkrieg zwischen dem reinen, verräudeten Gral des Undergrounds und der neuen Rattansessel-Hegemonie mit DJ-Kicks im CD-Wechsler.
Der Gipfel der Missgunst: zwei Millionen verkaufte Platten von ihrem Album "The K&D Sessions". Jeder kennt irgendwann jemanden mit einem Billy-Regal und diesem Album. Das Cover?
Nicht ganz so ikonisch. Was passt, denn Kruder & Dorfmeister sind jetzt Superstars, die sie nicht sein wollen. Sie lehnen Depeche Mode ab, sie lehnen Sade ab, sie lehnen David Bowie ab. Das Treffen mit ihm wird zur ultimativen Enttäuschung: "Nett, euch zu treffen. Der Nächste!" Na, wau.
Die Wurstsemmel-Revolution kommt aus dem Radio
Man kann die Geschichte der "Vienna Tones" nicht erzählen, ohne über FM4 zu sprechen. Der staatliche Rundfunk für Jugendliche und Junggebliebene ging 1995 auf Sendung. In Sendungen wie "Swound Sound" wurde das, was man in Wohnzimmerstudios zusammenlötete, zur Prime-Time-Kultur erklärt. Und Moderatoren mit britischem Akzent erklärten, warum eine Platte, die nur aus einem kratzenden Geräusch und einem verzögerten Basslauf bestand, das nächste große Ding sei.
Plötzlich hörte der Zahnarztsohn in Döbling denselben kaputten Pulsinger-Track wie der Sprayer in Favoriten. Die Distanz zwischen dem dunklen, verschwitzten Flex-Keller und dem hellen, klimatisierten Radiostudio schrumpfte. Was früher ein exklusives Wissen für Eingeweihte war, wurde zum Lifestyle-Accessoire für die breite Masse.
Die "Vienna Tones" wurden – nicht nur, aber auch – durch FM4 zur nationalen Corporate Identity, zu einer Art alternativem Mainstream. In jenem Moment, in dem die Subkultur realisierte, dass sie nicht mehr gegen das System kämpfte, war sie längst dessen Produkt geworden.
Vienna Tones als KI-Vorlage für das Supermarktradio
Schnitt. 30 Jahre später. Wien ist wieder mal eine der "lebenswertesten Städte der Welt". Eine Auszeichnung, die sich wie eine Überdosis Valium über die 23 Bezirke legt. Der Sound der Neunziger ist zur akustischen Auslegeware des Bildungsbürgertums verkommen. In Hauptabendokus läuft unweigerlich K&D als Hintergrundmusik. Die Idee von damals ist heute die AI-Vorlage für das Supermarkt-Radio. Musik zum Kauf von Melanzani und Bio-Dinkelsemmeln. Der Sound, der mal die Verweigerung des Vierviertelfeierns war, ist heute die Warteschleife der Versicherungshotline.
Die "Vienna Tones" finden woanders statt, aber: Seit Pulsinger und Tunakan hat es kein Wiener Act mehr auf ein internationales Cover geschafft. Die Clubkultur ist durchprofessionalisiert. Sie ist funktional. Und sicher. Vielleicht sogar ein bisschen traurig. Aber sie ist ehrlicher als die tausendste Best-of-Chillout-Platte, die irgendein Evergreen in seiner Garage gefunden hat.
Das alte Wien der Neunziger ist eine Geistererscheinung, die unhörbar durch die Mariahilfer Straße, den Heldenplatz und Graben spukt. Aber manchmal, wenn der Wind am Donaukanal beim Flex richtig steht, spürt man es noch: diese Stadt, die gar nicht lebenswert sein wollte. Sondern einfach nur grau.
0 Kommentare zu ""Vienna Tones": Wie Wien in den 90ern von Techno zu Chillout fand – und was heute davon übrig ist"