Im Gespräch: Alex Callier von Hooverphonic – "Manchmal macht es Spaß, am falschen Ort zu sein"
Foto: Hooverphonic Press Kit

Im Gespräch: Alex Callier von Hooverphonic – "Manchmal macht es Spaß, am falschen Ort zu sein"

Features. 4. März 2026 | 0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Es gibt diesen Typus von Mensch, bei dem man sich schon beim Händeschütteln – oder heute: beim distanzierten Kopfnicken – unzureichend vorbereitet fühlt.Alex Callierist so einer. Der Gründer der belgischen Trip-Hop-BandHooverphonicist der Endgegner für alle, die glauben, Kreativität brauche das liederliche Chaos. Er hat keine ungewaschenen Haare. Und er wartet auch nicht auf die Muse, die hoffentlich gegen Mittag mit einer Flasche Weißwein vorbeischaut.

Alex Callier ist eher Musikarbeiter der alten Schule. Seit Mitte der Neunzigerjahre schleift er an einem Sound, der so spezifisch ist, dass man ihn eigentlich als geschützte Herkunftsbezeichnung für Kultur aus Flandern eintragen lassen müsste. Trip-Hop? Eigentlich zu kurz gegriffen. Dream-Pop? Zu schläfrig. Es ist viel mehr: Breitwand-Kino für ein Leben, das man gerne hätte, während man im Regen auf den Bus wartet.

Mit Hits wie "Mad About You" oder "2Wicky" (der Song, der Bernardo Bertoluccis "Stealing Beauty" erst zu dem machte, was er war) hat Alex Callier damit eine Ästhetik erschaffen, die irgendwo zwischen einem verregneten Nachmittag in Antwerpen und einer geheimen Cocktailbar in den Sechzigern schwebt. Außerdem ist er – das merkt man sofort, wenn er über Musik spricht – ein Nerd im besten Sinne. Jemand, der den Unterschied zwischen einem 1967er Röhrenmikrofon und einer modernen Kopie nicht nur hört, sondern fühlt.

Außerdem kann Callier über den Hooverphonic-Sound wie ein Uhrmacher über ein Chronometer reden. Es geht um Schichten. Um die perfekte Sängerin (ein Thema, bei dem Hooverphonic eine fast schon serielle Monogamie an den Tag legt). Und um das einzige Guilty Pleasure, das 183 Millionen Menschen erreicht hat.

Im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums des Albums "The Magnificent Tree" kommt Alex Callier mit Hooverphonic 2026 für Konzerte nach Deutschland. Loop Rituals konnte sich vorab mit dem Belgier unterhalten.

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Ich habe gelesen, dass du jeden Morgen um 6:20 Uhr aufstehst, Porridge isst, ins Fitnessstudio gehst und um 8:30 Uhr im Studio stehst. Brauchst du dieses starre Korsett, um kreativ zu sein?

Alex Callier: Ja, ich schätze einen gewissen Rhythmus im Alltag, nicht nur in der Musik. Selbst auf Tour gehe ich gegen zwei Uhr schlafen und wache gegen sieben Uhr auf. Ich genieße die ruhigen Morgenstunden. In unserem Business ist das für fast jeden selten, erst recht für jemanden wie mich, der keine Kinder hat. Ich schreibe extrem viele Songs und brauche diesen Rhythmus, um in den Groove zu kommen – bis zu dem Moment, an dem meine besten Sachen entstehen.

Dein Studio ist komplett grün – der Teppich, die Wände, alles. Ist das eine bewusste Entscheidung basierend auf Farbpsychologie oder magst du einfach nur Grün?

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Foto: Hooverphonic Press Kit

Beides! Ich lebe in einem hellen, modernistischen Architektenhaus mit riesigen Fenstern. Deshalb wollte ich bei der Arbeit in einer komplett gegensätzlichen Umgebung sein, ohne visuelle Ablenkungen, um mich allein auf den Klang zu konzentrieren. Das dunkelgrüne "Boudoir", das ich mit einem guten Freund entworfen habe, ist dafür perfekt.

Es heißt, die Initialzündung für den Hooverphonic-Sound ging von zwei riesigen Plate-Reverbs aus, die du im Regen auf einem Parkplatz gefunden hast. War dieser Fund der Moment, in dem aus einer Idee eine echte Band wurde?

Nicht wirklich, es hat den Prozess wohl eher beschleunigt. Ich habe immer von Synths und Samplern geträumt, hatte aber nie das Geld dafür. Mein erster Gehaltsscheck als Toningenieur beim belgischen Fernsehen hat das geändert. Die beiden EMT-Plate-Reverb-Dinger bescherten uns dann ein bisschen zusätzliches Budget. Mein Professor für Sounddesign an der Brüsseler Filmschule hat mich schließlich dazu inspiriert, Soundscapes mit Popmusik zu kreuzen. Das war der eigentliche Startschuss. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar.

Damals war Trip-Hop die Kunst des Samplings. Welches Teil in deinem Setup war absolut unverzichtbar für diesen speziellen Hooverphonic-Haze?

Ein billiger ESI-32 Sampler, ein Boss RV-70 und ein Juno 106 – das waren 90 Prozent des Sounds. Weil Speicher damals knapp und teuer war, haben wir alles mit 22 kHz gesampelt, was den Klang noch dunkler machte. Wir haben einen Atari 1040 ST mit einer gecrackten Cubase-Version benutzt und hatten keine Ahnung, was wir da eigentlich taten. Der perfekte Mix für den Erfolg.

Die Liebe zur echten Manon verflog zwar schnell,
die zu den Streichern begleitet mich allerdings mein ganzes Leben.

Heute klingen Alben wie "Fake Is The New Dope" viel organischer und orchestraler als eure frühen Tracks. Hast du das Gefühl, dass echte Streicher dir heute Ausdrucksmöglichkeiten geben, die du früher nur mit Filtern und LFOs imitieren konntest?

Wir haben uns wohl von einem dunklen Elektronik-Vibe über Chamber-Pop zu etwas dazwischen entwickelt. Neue Technologien machen das heute viel einfacher. Wir betrachten unsere Arbeit immer als Soundtracks zu Filmen, die es gar nicht gibt. Jeder Film war anders, was zu diesem eklektischen Sound führte. Nur: Die einzige Kontinuität sind die Streicher. 

Warum?

Ich war mal in ein Mädchen namens Manon verliebt. Mein Vater hatte ein Album von Serge Gainsbourg mit dem Song "Manon". Ich habe ihn gehört und war sofort verliebt in die Streicher. Die Liebe zur echten Manon verflog zwar schnell, die zu den Streichern begleitet mich allerdings mein ganzes Leben.

Was ist deine Studioliebe, also: dein "Essential Tool" beim Produzieren?

Es sind mehrere Tools. Mein MacBook Pro M4, ein kleines Keyboard, ein SM58-Mikro und meine AirPods Max – mehr brauche ich eigentlich nicht. Damit kann ich heutzutage überall Platten aufnehmen. Im Studio habe ich natürlich viel mehr und weitaus teureres Equipment, aber am Ende nutze ich viel virtuelles Zeug. Ob du es glaubst oder nicht: "Mad About You" wurde mit einem SM58 aufgenommen!

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Apropos "Mad About You". Viele hören darin die DNA von Tschaikowskis "Schwanensee". War das ein bewusstes Zitat für diese opernhafte Atmosphäre?

Das war die Idee meines Orchestratoren Cedric Murrath. Als Noémie zur Band kam, wollten wir eine neue Version speziell für sie. Ich wollte es langsamer, melancholischer. Ein Vibraphon-Solo war da keine Option. Cedric bemerkte die Ähnlichkeit der Basslinie von "Mad About You" und Schwanensee – und so wurde eine weitere ikonische Version des Songs geboren.

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Vermisst du manchmal die Limitierungen von früher? Oder ist die totale digitale Freiheit ein Fluch für einen Perfektionisten, weil man nie wirklich "fertig" sein muss?

Ich weiß sehr genau, wann ich aufhören muss. Ich weine den alten Einschränkungen also nicht nach, ich liebe den technischen Fortschritt sogar. Allerdings vermisse ich die Budgets von früher. Aber auch solche Limitierungen können dich zwingen, kreativer zu sein. Ich habe mal in einem Song geschrieben: "Forward is the only way!"

Du hast vor ein paar Jahren die Sicherheitsanweisungen für Brussels Airlines vertont und daraus ein surrealistisches Kunstwerk als Hommage an René Magritte gemacht. Ist das deine Interpretation von "Belgitude" – dass selbst das Bürokratischste mit einer Prise Absurdität und Eleganz veredelt werden muss?

Exakt! Als sie mich fragten, fand ich die Herausforderung spannend. Aber ich bin erst gescheitert; ich bekam es einfach nicht hin. Dann, eines Tages, als ich an etwas ganz anderem arbeitete, sah ich den Text herumliegen und merkte, dass er perfekt auf die neue Idee passte. Das war wirklich ein surrealer, ein magischer Moment.

Die Stimmen von vergangenen Hooverphonic-Sängerinnen wie Geike Arnaert oder Noémie Wolfshast du mal als Designer-Stühle beschrieben, während du den Raum um sie herum ständig neu dekorierst. Jetzt, wo Geike wieder weg ist – hast du den Raum für einen neuen Stuhl renoviert?

Nein, dieses Mal werde ich den Stuhl für jeden Song wechseln und versuchen, den Rest der Inneneinrichtung gleich zu lassen. Ich liebe neue Herausforderungen.

Der Song Contest ist eines meiner Guilty Pleasures.

In einem Interview hast du deinen "Song-Keller" voller unveröffentlichtem Material erwähnt. Was muss ein Song haben, damit er nach Jahren im Keller doch noch das Licht der Welt erblickt?

Ich nenne da immer das Beispiel "Stranger". Ich schrieb ihn während der "No More Sweet Music"-Session. Das Album war sehr opulent und üppig, der Song aber ziemlich psychedelisch. Er passte nicht rein. Aber wir liebten ihn so sehr, dass ich ein ganzes Album um ihn herum gebaut habe. So entstand "The President of the LSD Golf Club". Ein anderes Beispiel ist "Anger Never Dies". Die erste Demo mit Geike haben wir 2002 aufgenommen, aber irgendwas stimmte nicht. Jahre später, 2010, merkte ich: Es war viel zu langsam. Noémie hat es dann gesungen, und der Rest ist Geschichte.

Belgien ist sprachlich gespalten. Hat diese fragmentierte Identität deinen Sound beeinflusst?

Es gibt nicht viele Länder, die lateinische und germanische Kulturen vereinen. Das, und die Tatsache, dass wir vor 1831 immer Teil eines anderen Landes waren, gibt uns eine sehr eklektische Kultur. Deshalb haben wir für so ein kleines Land extrem viele interessante Bands mit einzigartigem Sound. In unserer Musik findet sich dieser eklektische Surrealismus natürlich auch wieder.

Ich muss dich nach eurem Auftritt beim Eurovision Song Contestfragen. Das wirkte sehr bewusst "Anti-ESC" – dunkel, reduziert. Wie hat sich das für eine Band angefühlt, die zu dem Zeitpunkt schon 25 Jahre im Geschäft war?

Es hat viel Spaß gemacht! Ich muss gestehen, dass der Song Contest eines meiner "Guilty Pleasures" ist. Als das flämische Fernsehen anfragte, sagte ich: Gerne, aber nur bei völliger Narrenfreiheit.

War der ESC trotzdem "The Wrong Place"?

Manchmal macht es Spaß, am falschen Ort zu sein! Ich liebe jedenfalls das Unerwartete.

Unerwartet kam auch dein Tinnitus, den du vor ein paar Jahren öffentlich gemacht hast. Wie hat er dein Hören verändert?

Um ehrlich zu sein: Es stört mich nicht mehr wirklich. Ich bin extrem gut darin, es zu ignorieren. Wenn ich mich doch mal zu stark darauf konzentriere, versuche ich einfach, dieses Geräusch anzunehmen. Das klingt verrückt, aber für mich funktioniert es. Ich weiß, dass ich Glück habe, denn für die meisten Musiker ist es ein Albtraum ohne Ende. Aber ich habe viel im Gegenzug bekommen: eine wunderschöne, inspirierende Karriere.

Eine Sache noch: Warum kommt der beste Trip-Hop eigentlich meistens aus Bristol oder – im Fall von Hooverphonic – aus Belgien?

Weil Trip-Hop verdammt viel Regen braucht!

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