Was ist vom Vinyl-Boom übrig geblieben?

Was ist vom Vinyl-Boom übrig geblieben?

Features. 25. Februar 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Kristoffer Cornils

Die Preise steigen, die Verkaufszahlen scheinen rückläufig: Hat das Medium Schallplatte seinen Zenit überschritten? Eine Recherche von Kristoffer Cornils.

Vor fast 80 Jahren wurde die Vinyl-Schallplatte eingeführt. Seitdem hat das Medium einige Höhen, aber auch Tiefen, durchlebt. Mit dem Aufkommen der CD Mitte der 1980er-Jahre und der Erfindung des MP3-Formats schien sein Schicksal am Ende des 20. Jahrhunderts eigentlich besiegelt. Doch dann ging es wieder aufwärts: Nachdem Vinyl lange nur in Independent-Szenen einen hohen Stellenwert genoss, kam es ab Ende der 2000er-Jahre zu einem "Vinyl-Boom". Er lässt sich klar beziffern.

Im Jahr 2006 erreichten die vom Bundesverband Musikindustrie ermittelten Absatzzahlen mit nur 300.000 in Deutschland verkauften Exemplaren ihren Tiefpunkt. In den Folgejahren ging es aber langsam und merklich bergauf. 2012 wurden erstmals wieder eine Million verkaufte Platten pro Jahr gemeldet, im Jahr 2024 rund 5 Millionen. Obwohl diese Zahlen verschwindend klein sind gegenüber denen aus den 1960ern- und 1970er-Jahren: Das Medium konnte sich eindeutig wieder etablieren. Warum eigentlich?

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Vor 5 Jahren berichtete der Spiegel über den Vinyl-Boom, was ist heute davon übrig geblieben?

Retromanie und das Faible der Nische

Die Einführung des MP3-Formats im Jahr 1993 und spätestens der Launch der Peer-to-Peer-Plattform Napster im Jahr 1999 läuteten das Ende der wohl profitabelsten Periode in der Geschichte der Musikindustrie ein. Nachdem die Branche dank Neuauflagen alter Klassiker und dem massenhaften Absatz neuer Singles und Alben im CD-Format Rekordsummen einfahren konnte, brach das Geschäft mit physischen Tonträgern ein. Große Teile des Publikums holten sich die Musik lieber umsonst aus dem Netz.

Doch paradoxerweise wurde das neue digitale Zeitalter ein nostalgisches. Im Jahr 2011 bezichtigte der Musikjournalist Simon Reynolds die Popkultur, unter Retromania zu leiden: Von Soul bis Post-Punk wurden laufend tote Stile reanimiert. Die Schallplatte passte als eigentlich obsoletes Format, auf dem einst die Originale dieser Sounds veröffentlicht wurden, gut zum nostalgischen Zeitgeist. Dank ihrer Haptik und Größe stellte sie außerdem ein analoges Gegengewicht zur zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereich dar.

Zugleich war Vinyl nie komplett in der Versenkung verschwunden. Für Club-DJs blieb das Medium weiterhin Arbeitsmaterial, in vielen Szenen erfüllte es durchgängig eine subkulturelle Funktion. Raik Hölzel hat im Jahr 1993 das einflussreiche Label Kitty-Yo gegründet. In der Nische ging es dem Medium noch lange vergleichsweise gut, sagt er: "Im Techno-Bereich wurden Ende der 1990er-Jahre noch 12inches in Auflagen von 5.000 Stück gepresst." Die anhaltende Leidenschaft für das Format rettete es ins neue Jahrtausend.

In anderen Genres lief es weniger glatt, was auch mit vertrieblichen Fragen zu tun hatte. Andreas Kohl gründete im Jahr 1999 das Label Exile On Mainstream für alternative Gitarrenmusik. "Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Vinyl weiterhin gut verkauft hätte, wenn es dafür Absatzmöglichkeiten gegeben hätte", sagt er. "Es standen aber keine Platten bei MediaMarkt." Erst dank der Anstrengungen eines deutschen Vertriebs hätten es Indie-Platten wieder in die großen Geschäfte geschafft – und konnten sich gut verkaufen.

Auch der Einzelhandel profitierte vom neu aufflammenden Interesse des Mainstreams am Medium, was im Jahr 2008 mit der Kampagne Record Store Day gewürdigt wurde. Das Medium wurde sukzessive beim breiten Publikum beliebter und die Verkaufszahlen stiegen an. Sie erzählen aber nicht die gesamte Geschichte.

Britisches Vinylpresswerk Seabass Vinyl offiziell als klimaneutral zertifiziert
© Miriana Dorobanțu, Unsplash

Krumme Rechnungen

Andreas Kohl ist in der Branche tätig und leitet zudem die Konferenz Making Vinyl. Auf die seit 2007 gestiegenen Absatzzahlen von Vinyl angesprochen, mahnt er zur Vorsicht: "Die offiziellen Zahlen zeigen nicht zwangsläufig einen falschen Trend, sie sind aber unzureichend", erklärt er. Gut 200 Presswerke gibt es auf der Welt, er schätzt das gesamte Pressvolumen auf zwischen 350 und 400 Millionen Schallplatten pro Jahr.

Wenn Berichte wie der "Vinyl Market Outlook" des Marktforschungsunternehmens Futuresource von 112 Millionen weltweit verkauften Schallplatten im Jahr ausgehen, sollte die Differenz beachtet werden: Nicht jeder Plattenladen oder Online-Shop meldet Verkäufe, und was nach dem Konzert über den Merch-Tisch geht, fließt ebenso wenig in die Statistik ein. Die Verkäufe im Indie-Bereich und Underground können nicht sicher abgebildet werden.

Umstellungen bei den Erhebungsmethodiken können das Bild zusätzlich verzerren. Als das Marktforschungsunternehmen Luminate Ende 2024 meldete, dass Vinylverkäufe in den USA im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 33 Prozent eingebrochen sein, war die Aufregung groß. Die Nachricht wurde schnell korrigiert: Die Differenz sei darauf zurückzuführen, dass Luminate für vor allem Indie-Plattenläden keine Projektionen mehr anfertigte.

Die offiziellen Zahlen sind also mit Vorsicht zu genießen und erfassen nur bedingt, wie es im Indie- und Underground-Bereich zugeht.

Spiegelt sich darin überhaupt ein allgemeiner Trend wider? Oder zeigen die Zahlen vor allem, dass die großen Plattenfirmen schnell aus dem "Vinyl-Boom" Profit zu schlagen wussten? Anders formuliert: Haben wirklich alle Teile der Musikwelt einen Boom erlebt – oder nur Taylor Swift und Co.?

Raik Hölzel kümmert sich seit 2010 beim deutschen Vinyl-Broker Handle With Care um die Öffentlichkeitsarbeit. Weil Broker im Auftrag von Labels und unabhängigen Künstler:innen deren Platten bei unterschiedlichen Presswerken nach deren Bedürfnissen pressen lassen, haben sie gleichermaßen Einsichten in die Nachfrage unter Labels wie auch die Auslastung von Presswerken. Er sagt: Es ging branchenweit so.

Hölzel berichtet, dass sich der Vinyl-Boom ab Ende der 2000er-Jahre auch unter den hunderten von mittelgroßen und kleinen Indie-Labels bemerkbar machte, mit denen seine Firma zusammenarbeitet. Während der 2010er-Jahre stieg die Nachfrage konstant an. "Wir saßen am Ende jedes Jahres da und haben gedacht, dass es so nicht mehr weitergehen könne", sagt er. Das tat es aber.

© Shutterstock / von: Stock Rocket

Vom Plateau in die Krise

Dasselbe berichtet auch Andreas Kohl, der vor seiner heutigen Arbeit bei der Medien-, Design-und Verpackungsagentur Key Production  zwischen den Jahren 2013 und 2022 bei einem der größten Presswerke Europas beschäftigt war, Optimal. "Dort haben wir zwischen den Jahren 2013 bis 2019 eine jährliche Steigerungsrate des Auftragsvolumens von 35 bis 40 Prozent festgestellt", sagt er. "Das ging quer durch alle Subkulturen und lag nicht allein an den Majors."

Der neue Run aufs schwarze Gold trieb dennoch bizarre Blüten. Kohl berichtet von Pressungen von Helene-Fischer-LPs und Herr der Ringe-Box-Sets auf Vinyl – Projekte, die in den Nullerjahren noch völlig undenkbar gewesen wären. Mit der explodierenden Nachfrage nach solchen und ganz regulären Veröffentlichungen stieg allerdings auch der Druck auf die Presswerke, die bald kaum mehr hinterher kamen.

Kohl indes widerspricht dem gängigen Narrativ, dass die Presswerke mitten im Boom Aufträge von den Majors und großen Indies bevorzugt hätten. "Zu großen Disruptionen kam es vor allem, weil die nötigen Innovationen und Erweiterungen in der Produktion nicht hinterherkamen", sagt er. Und richtig: Nachdem ab Mitte der Zehnerjahre dank Firmen wie Newbilt und Pheenix Alpha wieder neue Pressmaschinen geliefert wurden, entspannte sich die Situation wieder.

Laut Kohls Eindruck hatte das Wachstum der Branche gegen 2019 ein "Plateau" erreicht und war sie aber zugleich technisch dafür gerüstet, die Nachfrage decken zu können: eine immerhin stabile Situation. Doch dann kam die Pandemie, die völlig neue Bedingungen schuf. Zum einen stieg die Nachfrage nach Kulturprodukten und damit auch Vinyl rasant an – die Welt war stehen geblieben, die Turntables drehten sich weiter.

Im selben Zug kam es wegen gestörter Lieferketten und einer anderen Reihe von Problemen rund um die Produktion von Vinyl – siehe unsere große Recherche von 2022 – in den ersten beiden Jahren zu einem veritablen Chaos: Materialien fehlten, die Preise wurden volatil, die Lieferzeiten betrugen zum Teil mehrere Monate und selbst fertige Pressungen konnten aufgrund der Überlastung der Speditionsbranche nicht immer rechtzeitig ausgeliefert werden.

Die große Vinylkrise der Jahre 2020 bis 2022 machte offenbar, wie komplex und fragil die gesamte Industrie ist, und wie einzelne Störungen am anderen Ende der Welt weitreichende Folgen in den Crates haben können. Aktuell jedoch ist die Situation stabil, die Branche wächst sogar. Doch das Geschäft ist kleinteiliger geworden. Und Vinyl teurer.

Eine Verkettung von Aufschlägen

Ob die zwar mit Vorsicht zu genießenden, potenziell aber nicht falschen Zahlen oder die Aussagen von Raik Hölzel und Andreas Kohl aus der Mitte des Maschinenraums: Alles deutet darauf hin, dass es der Vinylbranche weitgehend gut geht. Doch wer sich unter kleineren Labels, unabhängigen Künstler:innen und Plattenläden sowie nicht zuletzt bei Vinyl-Fans umhört, bekommt ein anderes Bild gezeichnet.

"Es macht keinen Spaß mehr", wird dann häufig geseufzt. "Es" kann dabei unterschiedliche Dinge bedeuten. Wegen gestiegener Preise stapeln viele Labels und Artists tiefer. "In den vergangenen Jahren wurden die Auflagen immer kleinteiliger. Früher waren 500 Exemplare der Standard, das ist heute nicht mehr so", bekräftigt Hölzel. Und selbst Auflagen von 200 oder 300 Stück verkaufen sich nicht zwangsläufig.

Auch Plattenläden berichten, dass sie nicht mehr kalkulieren können wie noch vor zehn Jahren. War es damals noch Usus, von Neupressungen klassischer Alben gleich zehn oder zwanzig zu bestellen und sie alle innerhalb kürzester Zeit abzusetzen, gestaltet sich das heute nicht mehr so leicht. Vor allem randständige Musik verkauft sich nicht mehr so einfach wie früher, weil die Kundschaft eher zum Bewährten greift.

Das ist freilich verständlich: Immer höherpreisige Schallplatten konkurrieren um schmaler werdende Brieftaschen. Die 12inch für den Clubgebrauch kratzt immer mehr an der 20-Euro-Grenze, weshalb viele DJs und auch Labels das Format sukzessive aufgeben. Dass eine einzelne LP unter 25 Euro kostet, ist heute eine Seltenheit. Wer kann es der Käuferschaft da schon verübeln, gezielter zuzuschlagen?

Die Gründe für Preisanstiege sind komplex, aber sinnfällig: Alles ist teurer geworden, und in der langen Produktionskette von Vinyl akkumuliert sich das – Kohl spricht von einer "Verkettung von prozentualen Aufschlägen". Und er wendet ein, dass die Schallplatte historisch betrachtet lange Zeit preisstabil gewesen sei. "Das heißt, dass sie in Relation zu Waren des täglichen Bedarfs immer billiger geworden ist."

Das Wissen darum mag Fans des Mediums freilich ebenso wenig helfen wie die Tatsache, dass der Boom weiterhin anhält. Und auch für Labels, Musikschaffende und Plattenläden stellt sich die Frage: Was, wenn sich die Preisspirale weiter dreht?

Kein Selbstläufer

"Vinyl zu verkaufen, ist weder eine Selbstverständlichkeit noch ein Selbstläufer", sagt Raik Hölzel von Handle With Care. "Wir merken, dass die Marktsituation für unsere Kundschaft schwieriger geworden ist." Mit weiteren Preisanstiegen sei wegen der Anhebung des Mindestlohns und sich laufend erhöhender Versandkosten durchaus zu rechnen. Zudem habe die Branche ein Nachwuchsproblem: In Presswerken wird händeringend Personal gesucht.

Meldungen wie die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens durch das Berliner Presswerk Objects Manufacturing würden dennoch falsche Signale senden, sagt Andreas Kohl von Making Vinyl. "Innerhalb der Branche ist das Bild verzerrt", sagt er. Größere Presswerke hätten derzeit dermaßen viele Aufträge vorliegen, dass sie Lieferzeiten verlängern mussten, kleinere kämpfen mit Problemen. "Das gab es früher nicht." 

Er blickt aber nicht pessimistisch in die Zukunft. "Ich persönlich glaube schon, dass der Boom ein Plateau erreichen wird. Noch sprechen die Zahlen aber eine andere Sprache." Er verweist außerdem auf einen Bericht der Vinyl Alliance, laut dem der anhaltende Boom mittlerweile maßgeblich von Mitgliedern der Gen Z getragen würde. 47 Prozent der 1.1000 Befragten antworteten darin, dass sich die Anschaffung von Vinyl trotz der Preise lohne.

Das lässt für die Zukunft wohl hoffen. Sicher ist derweil, dass das Geschäft mit Vinyl nicht mehr dasselbe ist wie noch in den 1970er- oder gar den 2010er-Jahren. Für zunehmend mehr Menschen handelt es sich dabei um Sammlerobjekte, die aufwändig gestaltet und vielfarbig daherkommen. Doch obwohl sich so die Beziehung von Vinyl-Fans zur Schallplatte verändert haben mag: Den Boom gab es, und er hält weiterhin an.

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