Warum Rave längst Religion ist
Irgendwann zwischen Self-Checkout-Kassen, Polyamorie und der vorletzten Running Order aus dem Berghain hat sich ein stiller Wandel vollzogen: Die sogenannte Clubkultur glaubt. Nicht an Himmel und Hölle, um Gottes willen, nein. Dafür aber: an Chemie, Repetition und auch ein bisschen an die Wahrheit.
Die sogenannte Clubkultur glaubt. Nicht an Himmel und Hölle,
um Gottes willen, nein.
Der Club ist nämlich schon länger kein Club mehr. Er ist ein "Tempel”, für andere sogar "Mekka”, ja, halleluja: der "Vatikan der Partywelt”. Natürlich ist da die Warteschlange ein Wallfahrtsweg und der Türsteher das jüngste Gericht. Wer rein darf, wird erlöst. Wer abgewiesen wird, muss öffentlichkeitswirksam büßen. Duftet schon jetzt nach Weihrauch und Myrre? Muss diese Religion sein, von der alle labern.
Denn was Woche für Woche hinter der Garderobe passiert, ist, man muss es schon sagen: eine schöne Messe. Menschen versammeln sich in heiligen Hallen. Es gibt Regeln (kein Handy, kein Foto, kein Reden beim Set von Rødhåd). Alles folgt einer Liturgie (Warm-up, Peak-Time, Afterhour). Dazu die Märtyrer (alle, die am Montag ain die Arbeit müssen). Und Erleuchtung – oft künstlich herbeigeführt, aber das war ja bei Moses auch nicht anders, oder?
Besonders religiös, dann: die völlige Humorlosigkeit. Wer im Club lacht, gilt schnell als Störung der spirituellen Ordnung. Wer sich die Bauchtasche um den Bauch schnürt, als Heide. Und wer während eines 24 Minuten langen Acid-Tracks fragt, ob da unter Umständen noch was kommt, wird exkommuniziert.
Dein Rausch komme, dein Wille vergehe
Ja, längst hat sich rund um die elektronische Musik ein Glaubenssystem etabliert. Weil das mehr ist als Musik. Es ist ein Lebensgefühl. Oder noch schlimmer: eine Haltung. Diese Haltung ist nicht immer tolerant. Denn Dogmen gibt es wie Techno-Tracks mit Amen-Breaks. Zu viele. BPM-Grenzen. Vinyl-Obsession. Authentizitäts-Wahn. Früher wurde sogar die Frage, ob ein USB-Stick sakral genug ist, ähnlich verbissen diskutiert wie einst das Abendmahl in zwei Gestalten.
Heute? Ist der Rausch das Sakrament einer neuen Religion. Wer nimmt, der glaubt. Wer tanzt, bekennt sich. Wer durchhält bis zur Afterhour, wird Teil der Glaubensgemeinschaft. Man teilt Wasser, Kaugummis, Drogen wie einst Brot und Wein. Und wer es übertreibt, wird notfalls von einem Awareness-Apostel erlöst – oder von den Securitysies rausgetragen. So oder so, am Ende des Tunnels wartet ein Licht: Katharsis.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Musik. Es geht um Zugehörigkeit, um Rituale, um das Versprechen, dass zwischen 25-Euro-Eintritt und Function-One-Anlage etwas Echtes wartet. Eine Wahrheit. Ein Wir-Gefühl. Eine kleine Offenbarung hinter verschlossenen Augen.
Und genau da liegt er, der Reiz. Sagen die, die dann auch gleich sagen: Dass wir in einer Welt leben, die permanent auf Effizienz, Sichtbarkeit und Selbstvermarktung getrimmt ist. Und dass der Club echt eine andere Form von, na ja, Spiritualität bietet. Eine, die wortlos ist. Und körperlich. Eine, die dich für ein paar Stunden rauskatapultiert aus deiner deprimierenden Ich-AG und rein in etwas, das größer ist als du selbst, Mann!
Der Glaube kann Gästelisten öffnen
Deshalb pilgern die Pilger zu den Pilgerstätten. Man reist nach Georgien oder Holland oder schon wieder nach Berlin, fastet (weil Parallelrealität), leidet (weil Schlafentzug), hofft auf Gnade (Gästeliste). Und wenn es gut läuft, kehrt man zurück, im Flixbus, mit verschwitzten Klamotten und dem Gefühl, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.
Am Ende bleibt die Frage: Ist das alles nicht ein bisschen zu viel?
Muss das alles unbedingt zum spirituellen Awakening erklärt werden? Man darf doch auch mal einfach feiern gehen. Ohne Erkenntnis. Ohne Relevanz. Ohne gleich danach ein "Techno saved my life”-Posting rauszuhauen.
Denn, oh Gott: Vielleicht ist der Club ja gar kein Tempel. Vielleicht ist er nur ein dunkler Raum, in dem Leute mit Pipette und Stoppuhr aufs Klo gehen. Vielleicht braucht es gar keinen höheren Sinn. Und wenn doch: Dann sollte man es auch als das benennen, was es ist. Nicht Rebellion, nicht Hedonismus, nicht Kultur. Sondern: ein spirituelles Bedürfnis in säkularer Verpackung.
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