DAW-less Produzieren unter 1000 Euro - welches Gear ist essenziell?
Im Vergleich zum Alleskönner aus der DAW-Dose gilt bei Hardware-Konfigurationen die Qual der Wahl – Schließlich können wir den gekauften Synthesizer oder Kompressor nicht einfach auf beliebig viele Tracks kopieren und haben auch nicht unendlich viel Platz auf dem Schreibtisch. Wer ein DAW-less-Setup zusammenstellen möchte, findet in diesem Artikel ein paar nützliche Hinweise und die Vorteile im Vergleich zum Computer.
Quick Facts
- Inspirierende Einschränkung VS Decision Paralysis und Option Overload
- DAW-less-Performances sind ansprechender für Crowd und Artist
- Weniger ist Mehr: lernt, das Maximum aus Eurem Gear rauszuholen
- Tastatur und Maus fühlen sich nicht nach Musikmachen an
- Screentime reduzieren ist gesund
DAW-less: Groovebox Approach
Grooveboxes sind als DAW-in-a-Box der ideale Ausgangspunkt, um ein Hardware- orientiertes Setup zu erstellen. Der große Vorteil ist, dass ihr mit Grooveboxes nicht nur Drums, sondern auch Bass, Synths und Co. erzeugen, sequenzieren sowie deren Audio gebündelt ans FoH oder euer Interface geben könnt. Damit nehmen Grooveboxes euch jede Menge Utility-Arbeit ab, die je nach Setup-Größe ziemlich kopfzerbrechend werden kann. In diesem Artikel könnt ihr nachlesen, welche Grooveboxes wir je nach Preisklasse empfehlen.
Der Nachteil ist, dass Groovebox-Only mehr Menü-Diving erfordert, als wenn für jede musikalische Rolle ein Instrument mit eigenen, haptischen Bedienelementen vor euch steht. Dank Audio Ins und ausreichender MIDI-Konnektivität lassen sich Grooveboxes aber jederzeit mit zusätzlichem Gear erweitern. Beispielsweise kommt der verhältnismäßig günstige Circuit Tracks von Novation mit vier Drum- und zwei Synthtracks für interne Klangerzeugung, bietet aber zusätzlich zwei MIDI-Tracks und zwei Audio-Ins.
Praxisbeispiel: Novation Circuit Tracks
Über die MIDI-Tracks sequenziert ihr am Circuit eure Notes und Patterns, gebt die entsprechenden Befehle über MIDI-Out an das externe Gear und kabelt deren Audioausgänge an die entsprechenden Eingänge des Circuit Tracks. Dadurch könnt ihr gleichzeitig an externem Gear und den Sounds des Circuits schrauben, während sämtliche Audiosignale an den Ausgängen des Circuit Tracks summiert werden.
Auch die diversen Effekte des Circuit – Delay, Reverb, Sidechain Compression oder Master Filter – lassen sich so auf die externen Sounds anwenden und ersparen euch den externen Mixer. Um die haptischen Bedienelemente des Circuit zu ergänzen, könnt ihr auch einen MIDI-Controller an den MIDI-In connecten – zB Arturia Minilab 3 für extra Potis, Keys und sogar Fader. Falls der Synthesizer eurer Wahl mit eigenem Keyboard ausgestattet ist, könnt ihr auch einfach diesen an den MIDI-Eingang des Circuit kabeln.
Know your Limits!
Bei der Zusammenstellung eures DAW-less-Setups solltet ihr grundsätzlich darauf achten, möglichst vielseitige Instrumente auszusuchen, weil die Anzahl der Anschlüsse eurer Hardware begrenzt ist. Wie oben beschrieben, erlauben die zwei MIDI-Tracks des Novation Circuit die Steuerung zwei externer Instrumente – wenn ihr Stereo spielen wollt, ist wegen der zwei Audio-Ins sogar nur eins möglich.
Die Synth-Engine des Circuit
Über die kostenlose Components Software lassen sich die Circuit-internen Synthesizer übrigens deutlich tiefgreifender justieren, als via Hardware only. Nehmt euch also unbedingt die Zeit, die Software und Limits der Circuit Synthesizer kennenzulernen, um besser entscheiden zu können, womit ihr Euer Setup ergänzen wollt. Keine Sorge: der Computer kann wieder aus, sobald ihr Eure Patches gespeichert und Macros belegt habt.
Viel Sound für wenig Geld: Synths on a Budget
Weil die Synth-Engine vom Circuit Tracks klassisch subtraktive Synthese und auch Wavetable-Funktionen ganz gut abdeckt, sind FM-Synthesizer eine ideale Ergänzung. Die preiswerteste Option ist KORG Volca FM2 für 154 Euro. Der FM-Synth bietet mit 32 verschiedenen Algorithmen und sechs Operatoren eine Menge Möglichkeiten, außerdem sind die geringe Größe und der optionale Batteriebetrieb sowohl Schreibtisch-, als auch Reisefreundlich.
Für 279 Euro bekommt ihr beim Model:Cycles von Elektron mehr Knobs, einen umfangreicheren Sequenzer und diverse Percussion-orientierte Machines, mit denen ihr die vier Drum-Tracks des Circuit ergänzen könnt. Wer Bock auf Acid hat, muss ebenfalls nicht viel investieren und erhält für schlappe 139 Euro einen 303-Klon in Form des Behringer TD-3 MO, der mit analogem Sound, jeder Menge Hands-On-Kontrolle sowie 303-typischen Slides und Accents punktet.
Cascade Approach
Wer weniger Hierarchie im Setup will oder aus Platzgründen besonders kleine Instrumente mag, findet bei der relativ neuen AIRA Compact Serie von Roland Abhilfe. Egal ob Sampler, Drummachine oder Synths, die AIRAs haben für fast jeden Anwendungsbereich ein Mitglied parat und kosten zwischen 175 und 189 Euro. Für knapp 100 Euro mehr gibt es die ähnlich aufgebauten, aber etwas größeren LIVEN Geräte von Sonicware.
Evoke, Ambient Ø und Texture Lab sind ideal für Soundscapes, es gibt aber auch FM-, Lofi-Sample-, und Synthesizer-Varianten – alle mit experimentellem Touch. Über die 3,5 mm Klinkenbuchsen können Audio-Ins und Outs der AIRAs und LIVENs beliebig kaskadiert werden, was die bisherige Limitierung von drei Geräten pro Daw-less-Setup effektiv aufhebt. Selbst die ähnlich portable Volca-Serie von Korg benötigt dafür einen externen Mixer!
Honorable Mentions
Elektron Model:Samples ist zwar etwas günstiger als Circuit Tracks, hat den besseren Sequenzer und sogar bis zu sechs MIDI-Tracks, muss aber für jeden MIDI-Track eine Sample-Spur aufgeben, hat keine Audio Ins und keine Synthesizer-Engine. Circuit Rhythm hat deutlich mehr Sample-Bearbeitungsfunktionen sowie mehr Effekte in Form der Punch-In-FX, aber nur eingeschränkte Kapazitäten als MIDI-Sequenzer und Audio Mixer. Ähnlich wie Model:Cycles würde ich beide eher als Addon sehen, statt als Setup-Brain.
Setup 1: Der Alleskönner
Während Novation Circuit Tracks als Schaltzentrale eures DAW-less-Setups im Low-Budget-Bereich ziemlich außer Konkurrenz ist, kommt es bei der Auswahl ergänzender Instrumente auf den Anwendungsbereich an: Für Techno sind eher härtere und düstere Synthesizer-Sounds angebracht, während housige Vocal Chops und soulige Instrumentals besser mit Samplern funktionieren – Genre-Grenzen sind natürlich fließend und Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.
Summe: 646,00 Euro
Setup 1 ist besonders auf Vielseitigkeit ausgelegt: Die Synth-Engine des Circuit wird vom Volca mit FM-Sounds unterstützt, sodass ihr alle gängigen Synthese-Varianten bespielen könnt. Weil Samples in dieser Kombination nur über die Drumtracks des Circuit abgespielt werden können, habe ich T-8 aus der AIRA-Serie als zweites Puzzlestück gewählt. So habt ihr auch ohne Circuit’s Drumtracks genug Percussion Sounds, einen praktischen Basssynth on Top und euer Setup bleibt angenehm portabel.
Versteckte Kosten: Kabel und Co.
Auch wenn unser Low-Budget-Setup noch recht überschaubar ist, läppern sich schnell die Kosten für das nötige Zubehör. Schließlich brauchen wir nicht nur verschiedene Synths und Drummachines, sondern auch die passenden Kabel, um alles miteinander zu verbinden. Besonders bei den MIDI-Kabeln solltet ihr aufpassen, weil die 3,5 mm Klinkenstecker, die häufig bei kleineren Geräten verwendet werden, in unterschiedlicher Form aufkommen. Volca FM2 und Roland T-8 laufen beide mit TRS-Typ-A, Typ-B funktioniert hier nicht!.
Summe: 62,80 Euro
Gesamt: 708,80 Euro
Etwas unpraktisch ist die Verbindung der 6,35 mm Audioausgänge des Circuit mit den 3,5 mm Eingängen von T-8 und FM2, denn die passenden Kabel sind ziemlich selten. Ich rate aber von Adaptern ab, weil diese viel Platz einnehmen und zu Wackelkontakt neigen. Das Netzteil des Volcas ist hier der happigste Kostenpunkt, auf Dauer aber besser als Batterien. USB-Strom für den AIRA sowie Kopfhörer und Instrumentenkabel für die Main-Outs habe ich einfach mal vorausgesetzt.
Setup 2: Die Techno Fabrik
Was soll ich sagen, ich liebe Behringers Edge bzw. dessen Vorbild DFAM von Moog, weil der Regler-basierte Sequenzer-Workflow total inspirierend und einzigartig ist. Allerdings gibt’s keine Presets und die stufenlosen Pitch-Regler sind schwer zu zähmen. Das Tuning über MIDI zu steuern ist zwar eine Option, nimmt dem Edge aber irgendwie auch den Reiz. Da würde ich für dieses Setup lieber eine gehörige Portion Mut zur Dissonanz einplanen.
Summe: 603,00 Euro
Ebenfalls von Behringer (ich bin da nicht so) geht der letzte Slot an den oben erwähnten 303-Klon TD-3-MO. Ähnlich zum Edge gibt es hier einen charakterstarken Workflow und herrlich aggressives Sound-Potenzial. Außerdem sind beide Geräte analog und laden zum Eintauchen ins Modular-Game ein. Netzteile werden gratis mitgeliefert und beim Edge gibt es sogar sechs 30 cm Patchkabel dazu.
Summe: 35,30 Euro
Gesamt: 638,30 Euro
Ausblick
Ein dediziertes House-Setup hab ich zwar nicht vorgestellt, für meinen Geschmack ist Volca FM2 mit seinen Glocken- und E-Piano-Sounds da aber ganz gut für geeignet. Für mehr Sampling-Funktionen könnt ihr einfach T-8 durch P-6 ersetzen oder eben zu den teureren Model:Samples oder Circuit Rhythm greifen. Solange ihr pro Gear nicht zu weit über die 300er Grenze schießt, sollte euer Setup unter 1000 Budget bleiben.
Wer für Live auf Nummer Sicher gehen will, könnte auch noch in eine Stereo-DI-Box und ausreichend lange XLR-Kabel investieren. Um weitere Instrumente in euer Setup zu bekommen, lässt sich außerdem der Cascade Approach nutzen, um mehrere AIRAs und/oder LIVENs zu verketten und an einem der Eingänge des Circuit bündeln. Der Nachteil ist, dass sich diese Kette dann Panning und FX-Sends im Circuit-Mixer teilen muss.
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