Opa sagt: Es gab mal eine Zeit, da war der Club kein Interieur aus Schöner Wohnen, Fotoautomat und sogenannter Türpolitik. Sondern einfach ein Raum mit ein paar Lautsprechern. Also: Beton, Nebel, Angst. Und dann noch ein bisschen mehr. Kein Line-up, kein Sponsoring, keine Story. Höchstens ein paar Jahre später. Und die war immer übertrieben.
Heute ist Clubkultur eine Playlist auf LinkedIn. Irgendein Architekturstudent mit Sparplan spielt morgens um sechs Techno gegen Gentrifizierung. Damals, sagt Opa, war das: zu viel Rauch, zu wenig Sanitäranlagen. Trotzdem hat es funktioniert. Man hatte ja nichts außer der Zukunft – und echte Clubs, die heute ein bisschen legendär sind.
Oxa? Neiiii, Rohstofflager!
Zürich, die frühen 90er: Das Geld schläft. Die Lust aber? Die feiert in einem alten Weltkriegstunnel. Damals schon gut dabei, Lasershows. Und DJ BoBo. Den kennt die Generation Wetten, dass..? oder mein YouTube-Algo unter anderem für solche Bänger. Und damit ging es wirklich los, in der schönen Schweiz. Nicht unbedingt mit Techno, aber zumindest mit dem Oxa.
Das gab’s übrigens eine ganze Weile, am Ende musste der "Kult-Club” natürlich trotzdem schließen. Immerhin: Die Bilder von der letzten Party schauten noch immer so aus, als hätte man die letzten Tage der Menschheit, also yeah: die 90er, nie verlassen.
Ein bisschen mehr Berghainschlangenvibe war ein paar Straßen weiter, im Rohstofflager.
Dort machte man nämlich Techno für Menschen, die darin nicht nur Red-Bull-Dealer, sondern gleich ein ganzes Religionsbekenntnis erkannten. Was half: Der Gründer des Clubs war schon mal in Amerika und wusste, was abging. Detroit, Chicago. Der ganze Bumms. Darauf sollten mit der richtigen Medikation auch die eigenen Leute stehen.
Standen sie auch. Bis die bösen 2000er kamen und die Fabrik wegmusste und man sich keine Gedanken mehr machen musste, über Brandschutzvorschriften oder echten Techno.

Ist das ein … Ufo?
Sicher kein Club, eher eine Unfallszene mit Soundtrack auf doppelter Geschwindigkeit. Weil: Drei Treppen runter, alle auf Speed. Die Leute kamen ja nicht wegen der Stimmung – sie waren die Stimmung. Keiner wusste, wie der Abend endet. Manche wussten nicht mal, dass er angefangen hatte. So ungefähr wird das bestimmt gewesen sein, vor der Wende, drüben beim Schlesi, in einem Keller, nebenan Dimi Hegemann mit dem Drogenhippie.
Auf der richtigen Seite: Tanith und das Bundesheer und DJ Rok im Konfirmationsanzug, Musik für mehrere Spacewalks. Das Ufo roch ziemlich sicher nach Ecastasyschweiß und Ecastasypisse und Ecstasyzigaretten. Das Ufo war nämlich Rave vor dem Wort Rave, Berlin vor dem Hype. Kein Branding, kein Mietdeckel. Nur Untz Untz Untz und das Gefühl: Hier passiert gerade etwas, das keine Vollkaskoversicherung abdeckt.
Eineinhalb Jahre später war die Mauer weg und der Club auch, woanders. Wie ein Ufo eben. Niemand hat Beweise. Ein paar haben es dennoch erlebt.
Das muss dein Omen sein
Bevor wir es vergessen. Frankfurt war nie Berlin. Frankfurt hatte schon immer Geld. Und mit anzunehmender Wahrscheinlichkeit auch: das Omen. Ein Verdichtungsraum für alles, was Techno ausmachte, wenn man den Hype und die Ironie draußen lässt, das heißt: Betonboden und Betonfassade und Betonmenschen. Vorneweg Sven Väth, der gerne Host spielte. Später zum Hochleistungstänzer wurde. Immer Hohepriester war.
Im Club, derweil: alles durcheinander. Banker, B-Boys, Bekennende. Frankfurt war 1994 nicht anarchistisch, sondern auf Linie. Man ging zum Feiern ja auch nicht in den Keller, sondern ins Parkhaus. Dabei brauchte das Omen gar keine Ruine, um exzessiv zu sein. Hier war alles funktional und trotzdem kaputt. Vielleicht auch – ja ha! – gerade deshalb.
Musikalisch war das jedenfalls weder Industrialgewichse noch Kuscheltechno, sondern Maschinenmusik für Leute mit Kondition oder Koksreserven. Die BPM-Zahl war hoch, die Toleranzgrenze höher. Wer es reinschaffte, blieb dort, bis die Körperflüssigkeiten in alphabetischer Reihenfolge rauskamen.
Die Kasselruther Spatzen
Kassel. Klingt nach Zwischenstopp auf der Autobahn. Nach Kohlrouladen. Oder Eigentümerhauptversammlung. Jedenfalls eher nicht nach Carl Cox, Laurent Garnier, Jeff Mills. Waren aber alle da, in den guten alten Neunzigern. Das Stammheim markierte nämlich nicht nur den ziemlich exakten Mittelpunkt von Deutschland, sondern auch: der sogenannten Zääähne.
Ein Club im Betonlook, irgendwo zwischen Bunker, Heizraum und leergeräumtem Gemeindezentrum. Kein Schnickschnack, keine dummen Visuals, die irgendwer "konzeptuell” nennen musste. Dafür: politische Flugblätter auf dem Klo und Menschen, die aussahen wie das Gegenteil von allem.
Warum? Weil man stundenlang im Regen durch niedersächsische Funklöcher fuhr, nur um dann unter einer Neonröhre zu stehen und zu merken: Da ist es. Das hier. Ein Line-up – so sehr Champions League wie Kreisklassenbeiläufigkeit. Jeff Mills? Eh. Dave Clarke? Freilich. Monika Kruse? Stammgast im Stammheim.

Eh drauf, E-Werk
Man muss sich vorgekommen sein wie ein Statist in diesem einen Science-Fiction-Film von Fritz Lang. Ein stillgelegtes Kraftwerk, wieder zum Leben erweckt – diesmal mit Wechselstrom durch Subwoofer statt Dampf in Turbinen: das E-Werk in Berlin.
Hier merkte Paul van Dyk, dass er Superstar sein will. Und zwar zu einer Zeit, als Trance noch nicht Aromatherapie für Bankangestellte, sondern tatsächlich noch heilige Musik war.
Dazu passte die Location, ihre eigene Liturgie: Die Wände hoch, der Bass tief. Alles vibrierte wie ein Kirchenschiff zum Weihnachtsoratorium. Auch die Leute, vor allem die Leute! War ja Berlin auf neu. Also wild, keine Ordnung und doch: Das E-Werk war nicht nur Kraftwerk, das war mindestens Architekturanspruch.

My name is JohnsonRobert, Robert Johnson
Man kommt rein und denkt sich: Hier wird nicht gefeiert, hier wird kuratiert. Weil: weißer Raum, Holzfußboden. Eine Bar, die nicht flirtet. Kein Laserscheiss. Dafür ein Blick aus dem Fenster oder auf einen dieser coolen Röhrenfernseher. Als wäre Offenbach plötzlich Tokio, oder wenigstens Bonn auf LSD.
Der Bass ist diskret. Die Crowd eine Kunstschule. Wer hier tanzt, macht das nach innen. Ekstase als Entscheidung, nennt man das wahrscheinlich in Trendzeitschriften. Aber wenn sie also kommt, die Ekstase. Dann von hinten. In Tracks, die sich nicht aufbauen, sondern verflüchtigen. In Übergängen, die nicht schreien, sondern räsonieren.
Gerd Janson steht da, als wäre er aus Versehen DJ geworden. Roman Flügel spielt House, der klingt wie die literarische Verarbeitung eines Kindheitstraumas. Weil das keine Sets sind, sondern Seinszustandserklärungen. So war das Robert Johnson nie der einzige Club, in dem sich House anfühlte wie Jazz – aber der einzige, in dem Jazz eine gute Idee war.

Gemma Flex
Irgendwer hat mir mal erzählt: Früher sei man da nach stundenlangem Schwitzen einfach reingesprungen, in den Kanal. Diese Brühe, die ihre Farbe nach Tagesverfassung wählt; die da also still vorbeifließt, am Flex. Ein Club in Wien, der irgendwann, in einem anderen Leben, mal woanders gewesen sein soll, aber seit eigentlich immer dort ist, wo er ist: in einem alten U-Bahn-Schacht. Neben dem Wasser. Wo sich Wien trifft, wenn es nochmal vergessen will, wie schön es ist.
Das Soundsystem des Clubs ist eine Legende, Duolingo-Touristen sagen auch leiwand dazu. Der Raum, jedenfalls: lang und grindig. Drum ’n’ Bass war hier nie tot und so lange 16-Jährige existieren, wird er hier ewig weiterleben. Genauso wie Typen mit Sonnenbrillen, die eigentlich lieber die Goldenen Zitronen – "die frühen Sachen, weißt eh” – hören.
Und, ja, eine Sache noch: die Zuckerlwand. Neonfarbene Gummibärchen, sorgsam hinter Plexiglas der schweißgetriebenen Verwesung ausgesetzt, als wäre das hier ein Museum für verlorene Kindheitet. Eine leuchtende Patina der Lächerlichkeit, irgendwo zwischen Regenbogengruppe und verklebter Kapitalismuskritik.

So mad, Chester!
Haçienda war der Ort, an dem England merkte, dass es dann auch mal genug war, mit Springerstiefeln und Nietengürteln und haarsträubendem Haarwachskonsum. Weil: Tony Wilson, Factory Records, Happy Mondays, MDMA – alles kam auf einmal zusammen. Und ließ einen Club entstehen, der zum Bauplan wurde für alles, was danach kam.
Finanziert von Idealisten, betrieben von Wahnsinnigen, besucht von Manchester und Madonna. Ach ja, Acid House kam auch von da. Vielleicht, weil die Stadt so grau war. So nass und brutal. Die Haçienda war das Gegenteil: quietscheentchengelb, out of control. Ein bisschen wie die Ausgaben. Am Ende war man nämlich pleite, aber immerhin legendär.
0 Kommentare zu "Legendäre Clubs: Zwischen DJ BoBo, Kult und dem Mittelpunkt von Deutschland"