The Last Great Summer? Warum auch die Clubkultur gerade sehnsüchtig auf 2016 blickt

The Last Great Summer? Warum auch die Clubkultur gerade sehnsüchtig auf 2016 blickt

Features. 31. Januar 2026 | 0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

2016 haben wir Clubkultur noch mit Bomberjacken und manischem Starren auf CDJ-Displays buchstabiert. Bevor der Rave zur reinen Content-Kulisse verkam, gab es einen letzten Sommer der kontrollierten Ernsthaftigkeit zwischen Boiler-Room-Pathos und Pokémon-Jagd. Wieso also auf einmal Sehnsucht nach früher? Weil wir auf der Suche nach einer Welt sind, die noch kein Format hatte.

2016. Ein Jahr wie ein endloser Übergang von einem sehr guten Deep-House-Track in eine sehr dunkle Industrie-Halle. Wir trugen alle diese Choker, diese schwarzen Halsbänder, als wollten wir uns selbst die Luft abschnüren, bevor es die Weltlage für uns erledigt. Es war das Jahr, in dem wir dachten, ein Snapchat-Filter mit Hundezunge sei der Gipfel der menschlichen Evolution, während wir in der Schlange vor dem Berghain standen und hofften, dass die schwarze Bomberjacke (natürlich oversized, natürlich von irgendeinem Label, das heute pleite ist) uns die nötige Gravitas verleiht.

Ja … 2016 fühlt sich an wie das letzte Jahr, bevor alle Midland kannten und Traumprinz erst entdeckten. Anders gesagt: Es ist das Jahr, in dem alles gleichzeitig wichtig wurde. Sagen zumindest jene, die es wissen müssen: die Redakteure der sogenannten Gegenwart. Schließlich sei 2016 die Zeit vor der großen Müdigkeit gewesen. Wir hatten angeblich noch Akku. Wir hatten noch dieses unbändige Vertrauen in den Algorithmus. Instagram war noch nicht dieser blinkende Spielzeugladen für Suchtkranke. Es war einfach ein Schaufenster. Und wir waren die Auslagen.

Überall nur leere Blicke

Apropos Auslage. Vor zehn Jahren konnte man noch Boiler Room sagen, ohne Ausverkauf zu meinen. Also: Starrte man auf die Geheimratsecken eines DJs, der so tat, als würde er am Mischpult gerade mischen, während hinter ihm drei Leute mit Mate-Flaschen so dreinschauten, als wären sie nur wegen der Drogen da.

Aber das war 2016. Dixon war noch nicht bei GTA. Solomun erst Halbgott. Raven war kein reines Content-Format. Es gab noch nicht mal einen Diskurs über Selfcare auf dem Dancefloor. Keine Morning-Raves als Lebensstilentscheidung. Es gab auch keine Panels darüber, ob Feiern nun nachhaltig sei oder doch schon eine Bachelorarbeit vertrüge. Man ging raus, weil man rausging. Man blieb, weil man blieb. Es war Exzess minus Beipackzettel auf LinkedIn.

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Draußen, in dieser echten Welt vor den Clubtüren, rannten plötzlich erwachsene Menschen gegen Laternenpfähle, weil sie Monster in Parks jagten. Und wir hüpften in den dunklen Ecken des Robert Johnson oder des Sisyphos und pflegten unsere Distinktion wie eine seltene Orchidee. Der Kontrast war unser Ding: Da das, was die Klatschpresse liebevoll Augmented Reality nannte; dort die totale Finsternis im Club. Man musste sich schon sicher sein, dass man die letzte Bastion der Ernsthaftigkeit war, während die Verrückten versuchten, ein Glurak vor dem Tresor zu fangen.

Flüchten, aber wohin?

Musikalisch war 2016 die Zeit der großen Dehnung. Wer heute bei Hard-Trance-Knüppeln den Verstand verliert, kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Zeit man sich ließ. 128 Beats. Pro Minute. Es war das Gesetz – und zwar ohne Ironie. Eine Geschwindigkeit, bei der man noch jeden einzelnen Schweißtropfen in der Nackenfalte des Vordermanns zählen konnte. Es war die Geburtsstunde dessen, was die Unverbesserlichen immer noch mit giftigem Unterton "Business Techno" nennen. Aber damals fühlte es sich wirklich an wie das erste Mal Panoramabar auf Teilen.

Wer 2016 etwas auf sich hielt, schleppte jedenfalls Roland-Boutique-Kisten mit in den Club. Nachbauten von der TR-909, TB-303, alles toll! Weil: Man wollte, dass es wieder mal so aussieht, als wäre Techno echte Handarbeit. Natürlich gipfelte das in Hardware-Fetischismus. Man starrte auf Buchstabenkolonnen, sagte 2000NXS2 und meinte eine religiöse Reliquie, mit der die Wellenformen auf dem Display zum Horoskop wurden.

Aber es passte in den Populismus der Perfektion. Jeder Übergang musste so glatt sein wie die Marmorplatte im Badezimmer des Soho House. Man wollte keine Fehler, man wollte Smartphoneoberflächenglätte. Und tat gleichzeitig so, als wäre alles raw und industrial – so wie es auf dem Sample-Pack stand, den man heimlich doch verwendete.

Wie macht der Airbnb-Koffer? Rat tat tat!

Berlin fühlte sich in diesem Moment an wie eine Stadt, die gerade erst merkt, dass sie ausverkauft wird, aber noch zu betrunken ist, um den Maklervertrag zu lesen. Man ignorierte die ersten Airbnb-Rollkoffer-Horden am Maybachufer. Man dachte, die Schlange vor Mustafa’s Gemüsedöner sei das einzige Problem der Stadtgestaltung. In den Clubs herrschte noch das schwachsinnige Selbstbewusstsein, dass wir das Zentrum der Welt seien. Das Argument: London war schon zu teuer, Paris zu schick, New York zu weit weg. Berlin war 2016 der Spielplatz für alle, die dachten, dass ein unbezahltes Praktikum bei einem Indie-Label und ein Abo bei McFit eine tragfähige Lebensgrundlage seien.

Wer trotzdem etwas auf sich hielt, flog nach Tulum, ohne zu wissen, wo das ist. Dafür kam man mit einem Sound zurück, der so roch, als hätte man billige Räucherstäbchen in einer Bio-Sauna abgefackelt. Denn 2016 war die Geburtsstunde des Schwurbel-Techno. Menschen hassten eigentlich den Kapitalismus, hätten aber für ein Ticket zum Burning Man ihr Erstgeborenes verkauft. Dazu passte der Sound, der jetzt die perfekte Droge für eine Szene wurde, die vor dem eigenen Trauma flüchten wollte – hinein in eine aufgeblasene Spiritualität, die man bequem per PayPal bezahlen konnte.

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Das war lange vor den sogenannten TikTok-Raves. Und doch waren sie schon da, die ersten Anzeichen der Meme-Werdung. DJs fingen an, mehr Zeit mit ihrem Social-Media-Manager zu verbringen als mit ihrem Digging. Namen wie Peggy Gou zeigten, dass es nicht mehr nur darum ging, was man da vorne machte, sondern wie man dabei aussehen wird.

Die Ästhetik der Lifestyle-DJs war geboren. Die Booth wurde zum Content-Space. Man legte nicht mehr nur auf. Man performte die eigene Existenz. Das war der Sündenfall, über den wir heute so gerne schimpfen, aber, Hände hoch: Wer hat damals nicht mitgemacht? Ja, ja. Wir haben es geliebt, diesen sonnengebräunten Menschen dabei zuzusehen, wie sie vor irgendeinem Paradies die Regler schoben, während wir in der Montagmorgendepression auf die U-Bahn warteten.

Das Erbe ist auch nur eine Lüge mit Gelenkschmerzen

Zehn Jahre später sehnen wir uns nach dieser Zeit zurück. Nicht weil sie besser war, sondern weil es der letzte Moment war, in dem wir dachten, wir hätten die Kontrolle. Wir dachten, wir könnten diesen Wahnsinn schon irgendwie zähmen, indem wir sie in Schwarz kleiden und mit Berghain-Techno beruhigen. Deshalb war 2016 der letzte Sommer, in dem der Rave noch ein Versprechen war und nicht nur eine Kulisse für ein 15-sekündiges Video. 

Inzwischen vermissen wir die Langeweile, die es nicht gab. Wir vermissen die Zeit, die ein Track brauchte, um sich zu entfalten, obwohl bereits 2016 niemand Zeit dafür hatte. Wir vermissen das Gefühl, dass eine Nacht im Club kein Cover-Shooting war, eher eine Fluchtmöglichkeitund natürlich wusste man, dass das schon damals eine Lüge war.

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Raves waren immer Zitate mit Fußzeile von früher. Tracks waren Momente, die alle schon passiert sind, aber anders. Jede Nacht war eine, äh, Reise, die schon im Hochformat mitgedacht wurde. Nur: Man feierte mehr, als man referenzierte. Die Sehnsucht nach 2016 ist deshalb keine Sehnsucht nach besserer Musik. Sie ist eine Sehnsucht nach weniger Bedeutung. Nach Nächten, die nicht repräsentativ sein mussten. Und nach Momenten, die keinen Zweck hatten außer da zu sein.

2016 war nicht das letzte gute Jahr für Techno. Es war nur das letzte Jahr, das noch nicht wissen wollte, dass es gut war. Der Grund, warum wir heute so dringend wieder dorthin schauen. Weniger um zurückzugehen und eher um uns zu erinnern, wie sich das Leben so angefühlt hat, bevor es Format bekam.

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