Wenn man heute über den Sound of Frankfurt spricht, klingt es immer ein bisschen, als hätte man sich das ausgedacht. Hat man aber nicht. Er war eine Mischung aus Dorian-Gray-Nachtleben, Omen-Schweißfilm und dem technoiden Sendungsbewusstsein einer Stadt, die früh begriff, dass Maschinen besser tanzen als Menschen. Und, wichtig, man hat es noch nicht oft genug gesagt: Frankfurt war eines der ersten europäischen Zentren, in denen Techno nicht subkulturell blieb, sondern industriell wurde. Made in Hessen, ready for the world.
Während Berlin noch dachte, Mauerfall plus Drogen gleich Freiheit, produzierte man hier längst Tracks, die die internationale Dance-Kultur der frühen 90er bestimmen sollten. Es war die seltene Phase, in der Frankfurt nicht wie eine Bank mit Stadtmauer wirkte, sondern wie ein globaler Kopierraum. Alles ließ sich sampeln, alles funktionierte. Und natürlich war es immer auch ein bisschen Größenwahn. Aber eben der gute Größenwahn, der diese Tracks der 90er überhaupt erst möglich machte.
Konzept – Hypnautic Beats (1990)
Es ist dieser hackende Kreditkarten-Groove, der klingt, als hätten Investmentbanker beschlossen, ihre Montagmorgenkrise in einen Porschesitz zu pressen. Aber ey, nichts für ungut: Frankfurt war ja immer die Stadt, in der man zuerst die Seele optimiert und dann die Snare. Nur, hier passiert beides gleichzeitig: ein Beat, ein schwitziger Handschlag, Konzept!
Der Track ist wie ein Prototyp für alles, was Journalisten später "Sound of Frankfurt" nennen mussten. Die Bassline: ein Faxgerät auf allem. Die Melodie: Amtsblatt der Zukunft. Dazwischen das Gefühl, dass alles wahnsinnig wichtig ist, obwohl nichts passiert. Es ist der Frankfurter Signaturmove. Wir reden hier immerhin von einem Track, der so tut, als würde er einen erleuchten. Dabei führt er uns nur tiefer in die neonbeleuchtete Selbsttäuschung.
Sven Väth – L’Esperanza (1992)
Naturschutz in den 90ern, Serviervorschlag: Einfach mal auf die Bahamas rüber und dort mit Delfinen schmusen. Wahrscheinlich ist "L’Esperanza" deshalb dieser seltene Moment, in dem Sven Väth klingt, als hätte er eine Emotion entdeckt, die er vorher aus Versehen in der Umkleide vom Omen vergessen hat. Produziert hat er das Teil jedenfalls mit Ralf Hildenbeutel. Dem Mann, der immer wirkt, als könne er selbst aus einer kaputten Nebelmaschine noch ein fühlendes Ambientpad extrahieren.

Und das in Frankfurt! Die Stadt, in der Gefühle normalerweise nur passieren dürfen, wenn der DAX fällt. Trotzdem läuft hier eine Melodie, die herumdruckst, als würde sie sich für ihre eigene Schönheit entschuldigen. "L’Esperanza" ist Väth an dem Abend, an dem er zum ersten Mal versteht, dass Mystik auch ohne Haremshose funktioniert. Es ist die hoffnungsvollste Melancholie, die Frankfurt je hervorgebracht hat – ein Morgen-danach-Track, wenn sich alles anfühlt wie ein Richard-David-Precht-Podcast.
Jam & Spoon – Stella (1992)
Gerade noch Gott gesehen, jetzt total verknallt! "Stella" ist nämlich der Moment, in dem Frankfurt beschlossen hat, dass Romantik erlaubt ist, solange sie sich anhört wie eine Supernova in der Großmarkthalle. Rolf Ellmer (Jam El Mar), der studierte Musiker, der Harmonien behandelte wie andere Leute Steuererklärungen: nüchtern-effizient, aber mit unterschwelliger Brillanz. Und Mark Spoon, ewiger Raver, der aussah, als hätte er sich als Pubertierender in einem Eso-Laden verloren und nie wieder ganz zurückgefunden. Zusammen waren sie das ununterscheidbare Duo aus Ernsthaftigkeit und Ekstase, das Frankfurt plötzlich Weltformat gab.
Zum Beispiel mit dieser Melodie, die rechts ranfährt, als hätte Vangelis auf der A5 eine Panne gehabt. Sie macht diesen Track, der die 90er so perfekt einfängt, weil er dauernd zwischen großem Gefühl und technischer Kälte hin- und herdimmt. Frankfurt eben: Du bekommst die Umarmung, aber nur, wenn du sie vorher schriftlich beantragst. Was Jam & Spoon hier gebaut haben, ist der Blaupausenmoment für alles, was später als "Trance Classic" in YouTube-Playlists landete. Und zwar noch bevor Sonnenbrillen-Influencer diesen Sound annektierten. Es ist die Art Musik, die dich kurz glauben lässt, dass das Leben mehr sein könnte als das, was zwischen Freitagabend und Überstundenausgleich passiert. Genau deswegen lief sie damals in jedem Club, der sich würdig fühlte, und in jedem Auto, das Richtung Wochenende raste.
Dance 2 Trance – Power Of American Natives (1992)
DJ Dag und Rolf Ellmer – ja, wieder Ellmer – beschlossen Mitte der 90er, dass Trance nicht nur Basslines, sondern auch Narrative braucht. "Power Of American Natives" ist quasi ein Eurodance-Soundtrack zum Postkarten-Klischee: Westküste mit Tipi und Lagerfeuer-Illusion. Alles im urbanen Wolkenkratzerpark produziert. Mit Synth-Flöten, die so sentimental sind, dass man kurz glaubt, der Native Spirit habe eine Lobby in Frankfurt gegründet.
Daraus entsteht 1992 "Power Of American Natives". Ein Track, der damals kein kulturelles Statement war und heute eines wäre. Ein popkultureller Zaubertrick oder Sehnsucht im Euro-Rave-Format. Jedenfalls verklebte Hochglanzmagazinseiten für die Seele und Marketingmechanismen für die Beine. Kurz: Frankfurter Selbstbetrug auf Champions-League-Niveau.
Torsten Fenslau (LDC) – Die Schwarze Zone (1991)
Während andere DJs sich noch über Cue-Points stritten, baute Fenslau mit Culture Beat Popkarrieren und mit LDC diese geheimnisvolle, fast streng wirkende Identität zwischen Techno, New Beat und einem Unterton von "Bitte nicht anfassen, das ist Kunst".
"Die Schwarze Zone" klingt genau so: als hätte jemand ein Radiostudio in einen Bunker verlegt und Fenslau gesagt, er solle jetzt bitte etwas komponieren, das Menschen gleichzeitig anlockt und abschreckt. Das Tragische: Der Mann, der diese Szene prägte, der das Dorian Gray zum, äh, Weltclub machte, starb 1993 viel zu früh. Dadurch wurde "Die Schwarze Zone" ungewollt zu einer Art Vermächtnisstück. Ein Track, der heute klingt wie ein Blick in ein Parallel-Frankfurt, das nicht zur massentauglichen Trance-Luftburg wurde. Sondern zu einem Ort, an dem Maschinen melancholisch denken durften.
Talla 2XLC (Moskwa TV) – Brave New World (1987)
Ja, nicht die 90er! Aber Talla 2XLC hat Frankfurt das Genre-Bewusstsein eingepflanzt wie andere Leute ihren Zimmerpflanzen motivational quotes. Heute machen tapfere Musikjournalisten hinter seinen Namen Klammern und schreiben Techno-Pionier rein. Recht haben sie. Er war ja wirklich ganz vorne dabei, Stichwort: Moskwa TV, dieses halbmythische Synthpop-Ding, das klang, als hätten Kraftwerk und ein ostdeutscher Nachrichtensprecher ein verhaltensauffälliges Kind in die Frankfurter Schule geschickt. Aus dieser DNA kommt "Brave New World". Ein Track, der die 80er verabschiedet, indem er sie noch einmal gnadenlos vorführt.
Natürlich wirkt das heute wie ein Museumsexponat, aber eines, bei dem dabeisteht: "Vitrine in Arbeit". Moskwa TV waren nämlich nie Popstars, eher Laborassistenten einer elektronischen Zeitenwende. Und Talla? Für ihn wurde "Brave New World" der Beweis, dass man Zukunft nicht vorhersagen muss. Man kann sie einfach pressen, zwölf Zoll, 45 RPM, und dann zusehen, wie die anderen langsam hinterher stolpern.
OFF – Electric Salsa (1986)
Bevor Sven Väth zum Sonnenkönig von Ibiza wurde, war er: ein 23-jähriger Frankfurter mit viel Gel im Haar und einem Hit, der so sehr nach Oli Geissens Chartparade roch, dass man ihn eigentlich als UNESCO-Weltkulturerbe unter Neonlicht anmelden müsste. OFF ("Organisation For Fun") war ein Projekt von Michael Münzing und Luca Anzilotti – später als Snap! ziemlich berühmt. Und Väth war hier das erste Mal Baba baba, mmh, aha!
Zusammen wussten sie: Wenn du einen Song baust, musst du ihn so simpel und so clever machen, dass er Menschen gegen ihren Willen tanzen lässt. Väth liefert dazu Vocals, die irgendwo zwischen "modischer Ansage" und "italienischem Werbespot von 1987" schweben.
All das klingt nach Spaß ohne Grund. Oder für die Kultursnobs unter uns: wie ein Modeheft, das tanzen gelernt hat. Wobei Väth es natürlich auf die Titelseite geschafft hat, ohne zu wissen, dass er später die ganze Szene anführen würde. Frankfurt hatte hier jedenfalls seinen ersten "globalen Moment" – im Salsaschritt.
Music Instructur – Hymn (1995)
Will man den 90ern ein einziges Gefühl zuordnen, wäre es diese Hyper-Hyper-Eurodance-Euphorie von Music Instructor, der klingt, als hätte jemand eine Nintendo-Menüführung mit Koffeintabletten überdosiert. "Hymn" ist das perfekte Beispiel für die Spätphase des großen Frankfurter Optimismus, produziert von Mike Michaels, Mark "MM" Dollar und Mark Tabak, dem Trio, das damals praktisch jeden Track gebaut hat, der nach MTV, G-Star-Jeans und Internet-Modem klang.
Das Original stammt von Ultravox, aber Music Instructor verwandeln den Song in einen 150-BPM-Laserpointer, der direkt ins Stammhirn schießt. Es ist dieses eigenartige Gefühl, wenn man merkt: Ah, hier haben sich drei Leute hingesetzt und beschlossen, die komplette Jugend Europas gleichzeitig zu programmieren. Und es hat funktioniert. "Hymn" ist kein Cover. Es ist ein Update, das so dringend sein wollte wie Windows 95, nur stabiler.
In Frankfurt passte das perfekt: Die Stadt liebte Effizienz, und Music Instructor waren die Henry-Ford-Version des Eurodance. Alles läuft, alles blinkt, alles ist sofort verständlich. "Hymn" klingt wie ein Motivationskalender, der zu viel gedippt hat. Man sieht beim Hören förmlich die Screensaver, die Baggy-Pants, die ekstatisch überdrehten Fernsehmoderatoren der 90er. Ein Song, der keinen Tiefgang braucht, weil er nicht tauchen will. Er will fliegen. Mit Neonflügeln.
Snap! – The Power (1990)
Natürlich! Der Hit, bei dem selbst Leute tanzten, die eigentlich nur zum Kopierer wollten. Michael Münzing und Luca Anzilotti, die Pop so effizient konstruierten wie andere Leute Bankentürme, bauten hier ihren Prototypen: präzise, kantig. Vor allem clever geklaut und noch cleverer zusammengesetzt. Sampling war damals ja noch kein moralisches Problem, sondern eine olympische Disziplin. Und Snap! holten Gold auf 50 Meter Freistil.
Der Rap kommt von Turbo B, dem Mann mit der Stimme wie ein Boxsack aus Chrom. Der Gesang von Penny Ford, die klingt, als würde sie mit jeder Silbe einen TedTalk halten, nur schneller und lauter. Zusammen ist das: deutscher Dance-Export, aber ohne Peinlichkeit. Was schon fast ein Wunder ist, wenn man an die gute alte Zeit denkt.
So war die Hookline "I’ve got the power!" zum Mantra für alle, die eigentlich gar keine Macht hatten, aber wenigstens so tanzen wollten. Münzing und Anzilotti verstanden eben, dass Pop immer ein bisschen Selbstbetrug ist. Aber wenn er gut klingt, stört das niemanden.
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