Basic Channel: Wie radikales Schweigen Plattencover zu Ikonen machte

Basic Channel: Wie radikales Schweigen Plattencover zu Ikonen machte

Features. 18. Januar 2026 | 5,0 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Berlin, die Mauer ist weg. Und zwischen grauen Betonplatten sitzen zwei Typen, Moritz von Oswald und Mark Ernestus. Sie überlegen nicht, wie man die neue Technofreude mit Logos, Laserschriften und Airbrush-Wahnsinn beeindrucken könnte. Sondern: Wie man noch mehr weglassen kann. 

Die ersten Platten von Basic Channel sahen aus wie Kontrollraum-Signaltasten aus der Stummfilmzeit: grau, grauer, am grauesten. Dazu: ein kryptisches Kürzel, fertig. Während in England die Rave-Singles aussahen wie schlecht gedruckte Micky-Maus-Poster und in Frankfurt auf jedem Cover mindestens ein Raumschiff landete, reduzierten Ernestus und von Oswald das Ganze auf: nichts. Ein radikales Nichts, so ernsthaft, dass es, ja, doch – wieder alles war.

Das war genial, aber nicht so, wie man es bei MTV gelernt hat. Basic Channel waren keine Kunst als Überhöhung, eher Kunst als Entzug. Wer eine ihrer Platten kaufte, hielt ein Versprechen in der Hand: Du weißt nicht, was drin ist, aber du weißt, dass es dich verändert. Kaum Text, schon gar keine überstrapazierte Storyline. Nur pure Gravitation.

Kein Zufall, muss man meinen. Ernestus, Plattenladen-Besitzer, und von Oswald, Musiker mit Ahnenpass bis in die Klassik, wussten nämlich: Verknappung schiebt anders. Indem sie den Marktmechanismen das Gesicht entzogen, machten sie jede einzelne Platte zur Ikone. Und Minimalismus zum maximalen Fetisch.

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Weniger als nichts

Torsten Pröfrock, später selbst als T++ eine Elektronik-Mythosfigur, brachte seine grafische Strenge ins Spiel. Spätestens bei Chain Reaction, dem Beiwagenprojekt von Basic Channel, wurde so der Purismus fast zum Corporate Design: monochrome Hüllen, dezente Typografie, ein Non-Style, der vor der Kunstschule wartete, um ihr zwei Mittelfinger entgegen zu strecken.

Dafür muss man sich nur mal die Entwicklung der Plattendesigns bei Basic Channel ansehen. Am Anfang noch halbwegs lesbar, stretched, wie ein Gruß an all die Leute, die den Fortgeschrittenenkurs in Windows Paint besuchten. Je weiter die Serie ging, desto mehr zerfiel das Schriftbild. Am Ende: Nebel, Rauschen, eigentlich unlesbar

Natürlich war das ein bewusstes Verblassen, das exakt die musikalische Idee spiegelte. Strukturen, die sich auflösen. Rhythmen, die zerfallen. Dub wie Kiffen im Black Ark Studio. Und damit mehr als Design, viel eher: eine grafische Übersetzung des, jaha: Basic-Channel-Sounds.

Dass das heute noch so wirkt, liegt daran, dass alles andere inzwischen im Design-Disneyland endgelagert wird. Spotify-Playlists in Candyfarben, Techno-Festival-Poster wie schlechte Parfümwerbung. Und jeder Bedroom-DJ mit zwölf Follower baut sich ein Logo, das aussieht wie der Schriftzug von "The Fast and the Furious”. Daneben liegen diese unscheinbaren Basic-Channel-Scheiben wie streng sortierte Medizinfläschchen, die dich heilen oder zerstören können, je nach Dosierung.

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Glitzer, gähn!

Basic Channel haben das Anti-Design zur Marke gemacht. Aber eben nicht ironisch, nicht als doppelter Hipster-Boden. Sondern als asketische, fast klösterliche Entscheidung. Wenn schon Techno die Reduktion auf Kickdrum und Delay ist, dann auch die Hülle. Alles andere wäre Verrat gewesen.

Es war die Konsequenz zweier Menschen, die nichts mit Pop anfangen konnten. Ernestus, immer ein bisschen wie der Anti-Promoter, wenn ein Interview, dann gar keine PR. Von Oswald, mehr Aristokrat im Geiste, der das Wort "Understatement” vermutlich als Beleidigung empfand. Zusammen erschufen sie eine Bilderwelt, das aussah wie ein Behördenarchiv in Blade Runner.

Und weil die Zukunft immer etwas Geheimnisvolles braucht, war das Basic Channel Design mindestens so entscheidend wie die Musik. Würde heute jemand eine Basic-Channel-Compilation im Glitzercover veröffentlichen, es wäre, als würde Helene Fischer ihr Best-of-Album in zwölf Kilo schwere, streng limitierte Betonpflöcke gießen – nur, ähm, umgekehrt.

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Mach mal Mythos

Genau durch diese radikale Anonymisierung wurde Basic Channel zur Marke. Eine Marke, die bis heute, lasst es uns gemeinsam sagen: Kult ist. Wer mal versucht hat, auf Discogs eine Originalpressung zu kaufen, weiß, wie viel Aura man hier für dreistellige Beträge mitbezahlt. Hier kauft man kein Vinyl, das ist längst ein Statement.

Und zwar zurecht. Dieses Design war das intelligenteste Trojanische Pferd der Clubkultur. Es hat gezeigt, dass Weglassen ein stärkerer Akt sein kann als Hinzufügen. Dass Reduktion glamouröser ist als Opulenz. Und dass eine grauer Plattensticker aus Berlin-Mitte mehr Mythos tragen kann als jede goldene Schallplatte von Universal.

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