10 Techno-Tracks, die heute nicht mehr durchkämen – und das ist schade

10 Techno-Tracks, die heute nicht mehr durchkämen – und das ist schade

Features. 4. Januar 2026 | 4,5 / 5,0

Geschrieben von:
Christoph Benkeser

Ja, es gab mal eine Zeit, da war Techno kein Spotify-Genre mit Pastellcovern und Playlists, die so klingen wie die Klimaanlage bei dm. Es war eher Musik, die den Algorithmus mit einem festgezurrten Low-Pass-Filter weichgeprügelt hätte. Aus diesem Gedanken – und gegen Ich-kann-auch-nüchtern-richtig-gut-feiern entstand diese Liste. Eine Sammlung von Stücken, die heute bei Booking-Agenturen Bauchweh, auf TikTok Verwirrung und bei Awareness-Teams vermutlich Krisensitzungen auslösen würden. Weil: zu direkt, zu hart, zu alles.

DJ Misjah & DJ Tim – Access

Der Track ist wie die Berghain-Tür, aber als Gen-Z-Stare: kein Lächeln, nur dieser Blick, der sagt: "Heute nicht, Bro.” Also, ein brutales Brett von 1995, das so tut, als hätte jemand die 909 mit einem Vorschlaghammer programmiert. Heute würde das so nicht mehr gehen, weil: einfach zu wenig Ironie drin. Und zu viele Frequenzen, die nach körperlicher Übergebung verlangen. 


"Access” ist nämlich die Antithese zur Spotifyspülung. Da sind nirgends Breakdowns für Reels, auch keine Snare-Roll für den Drop. Dafür: eine Synth-Schleife, die sich durch das Hirn fräst wie ein Berliner Mietvertrag durch den Rest deines Kontos. Wenn man Glück hat, hört man das noch um fünf Uhr morgens auf einem Floor auf allem. Wenn man Pech hat, ist man zu nüchtern, um zu verstehen, warum sich damals alle so gefühlt haben.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

DHS – House of God

Der Prediger im Loop ruft: "I am the creator, and this is my house,” und alle so: Amen! 1991, also zu einer Zeit, als man Techno-Musik noch mit Revolution verwechselte. Heute würde so ein Track nicht mehr durchkommen, weil ein schwitzender Anwalt in zu großem Anzug irgendwas von Sample-Clearing-Stress stottert. Oder weil das einfach nicht so toll in die Algorithmusfreundlichkeit passt.


Dabei ist "House of God” Sound-gewordenes Über-Ich, das dir einbläut, dass Techno nicht zur Beruhigung oder zur Wellness da ist. Sondern zur Exorzierung des kapitalistischen Wochenplans. Der Track hat dementsprechend wenig mit Work-Life-Balance zu tun. Er ist stoisch und predigend – wie der Twitter-Account von Richard David Precht. Dass man ihn heute kaum mehr hört (also den Track, nä!), liegt nicht an der Musik. Sondern daran, dass man das mit dem Glauben an etwas Größeres, na ja, verlernt hat.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Thomas P. Heckmann – Tanzmaschine

Mal riechen? Duftet wie eine Wurstmaschine aus Rammstein, Ecstasy und Industrielack. Erzeugt jedenfalls körperliche Reaktionen: Die Gliedmaßen übernehmen, der Kopf schaltet ab, zurück bleibt ein zuckendes Rest-Ich auf dem Betonboden von 1994. Thomas P. Heckmann hat mit diesem Track schließlich einen Techno-Terminator gebaut. Der hört nicht auf Melodie, der spendet keinen Trost, nur ein kaltes, stotterndes Rattern wie zweihundertzwanzig Tonnen auf den schönsten Eisenbahnstrecken Deutschlands. 


Das ist natürlich, man muss es so sagen: eine Dancefloor-Diktatur. Eine, in der du nicht gefragt wirst, ob du mitmachen willst. Du wirst einfach gefressen. Heute würde das niemand mehr spielen, außer vielleicht Helena Hauff auf 2,5 Promille. Ansonsten ist da einfach zu wenig Instagram drin und zu viel sowjetisches U-Boot auf dem Rückweg aus der Ostsee.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Green Velvet – Flash

Wenn "House of God” der predigende Pastor war, ist "Flash” seine Bibel. Die Message: Die Welt geht unter, und du scrollst noch immer durch die Galerie deines iPhones. Schon 1995 wusste dieser Track, was Socials zehn Jahre später erfinden würde: Selbstdarstellung als Endzeitritual. "Cameras ready, prepare to flash” – mehr Diagnose ging nicht. Und trotzdem war das alles tanzbar. Grotesk tanzbar. Als hätte Prince bei einer Bodybuilding-Messe LSD genommen. 


Inzwischen geht diese Abrechnung in Latex und Sonnenbrille nicht mehr durch. Viel zu viel Inhalt, viel zu viel Wissen, also eigentlich: viel zu viel alles. Wo heute ein Vocal nur sagt "drop it”, ruft Flash nach Bewusstsein. Das macht Angst. Und zwar zu Recht. Es ist ein Track gegen dich. Gegen deinen Voyeurismus, gegen deinen Hunger nach Momenten, die du gar nicht spürst, weil du sie nur noch archivierst.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Chris Liebing – Dandu Groove

Bevor er zu einem bebrillten Techno-Intellektuellen mit Podcast wurde, war Chris Liebing der Typ, vor dem einem ein bisschen mulmig wurde. Und "Dandu Groove” ist circa das: ein flaues Gefühl im Magen. Weil sich das alles so anfühlt, als stünde man plötzlich in einer leeren Parkhausetage bei Nacht, irgendwo zwischen Frankfurt und der Apokalypse.

Heute spielen das nur noch Menschen, die bei TikTok erhöhten Blutdruck bekommen und also von "emotional storytelling” noch nie gehört haben. Dabei wäre Dandu Groove ein Statement: Du brauchst keinen Mental Breakdown, um Gefühle zu verkaufen. Du brauchst nur ordentlich Druck. Die Bassline ist daher ein politisches Argument gegen Schneeflockenharnisch. Gegen Ibiza-Pianos und gegen weichgezeichnete Clubromantik. 

Liebing, der alte Sozi, wusste das natürlich. Er hat den Groove immer als Waffe begriffen. Und "Dandu Groove” war eine Ansage an alle, die Techno für einen Safe Space halten. Nein, sagt der Track. Das hier ist kein Ort für deine Feelings. Das ist ein Ort, an dem man sie verliert.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

DJ Rush – Motherfucking Bass

Alte Demoweisheit: Drohung muss durch Megaphon. Und DJ Rush brüllt einem "Motherfucking Bass” ins Gesicht, als hätte er gerade erfahren, dass jemand versucht hat, Minimal als ernstzunehmendes Genre zu etablieren. Das Schlimmste: Der Bass kommt dann auch. Mit der emotionalen Wucht einer Folge "Kaulitz & Kaulitz”, im 32tel-Takt. 

Die Kick ein Naturereignis. Die Hi-Hats wie Rasierklingen. Und Rush selbst gibt den Dompteur im Maschinenraum. Heute wäre das undenkbar. Zu breitbeinig, zu männlich. Der Track ist wie ein unironisches T-Shirt mit Tribal-Print. Kein Platz für Postmoderne, kein Platz für Genderneutralität. "Motherfucking Bass” ist circa das Gegenteil von jedem Achtsamkeitsseminar. Deshalb würde der Track heute auch aus jeder Awareness-Schulung rausfliegen. Weil er keine Triggerwarnung mitliefert. Eher eine zerrissene Einverständniserklärung für alles.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Alter Ego – Rocker

"Rocker” ist das musikalische Äquivalent zu einem feuchten Elektroschock ins Stirnchakra – völlig drüber, völlig geil. Diese verzerrte Synthline schiebt sich in die Magengegend wie ein Kirmeswagen in die Dorfdisco, und plötzlich ist alles nur noch Plastik, Stroboskop und Sabber.

Und ja, war ein Hit. In der Großraumdisko. Auf dem Pausenhof. Selbst in der Werbung für Energy-Drinks. Ein Track, der sich frech in die Charts gedrängelt hat wie ein besoffener Gast in den Boiler-Room-Fokus. Heute wär das sogar den Ungenierten zu peinlich. "Rocker” würde vielleicht als ironisches TikTok-Sample enden – mit Bauchtasche, Ugly Sneaker und im Hinterkopf sagt Olli Geissen: "Haha, guckt mal, was wir für Frisuren hatten!”

Aber damals war das ein Befreiungsschlag. Ein Mittelfinger gegen die Techno-Korinthe. Ein Stadionmoment für Leute mit zu engen Jeans auf zu viel Zeugs. "Rocker” war der Lastwagen mit der Abrissbirne drauf, der Soundtrack zur Eskalation, bevor Techno sich als Kunstform begriff. Und wenn wir wirklich ehrlich sind: Manchmal will man doch einfach nur schreien.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Marmion – Schöneberg

"Schöneberg” – das klingt nicht nach Club, sondern nach Bezirksamt, zweiter Stock, dritte Tür links. Bei manchen vielleicht noch nach David Bowie. Und genau da liegt der Reiz: Diese Synthesizer-Schleife, die sich wie eine vergessene Erinnerung durchs Herz bohrt, ist hypnotischer als jede Wellness-Playlist – nur eben mit Basstrommel.

Dafür dann als Dauerzustand. Der Track ist wie das erste Mal Ecstasy. Man ist nicht geil, man ist gut drauf. Euphorisch wie nach der bestandenen Führerscheinprüfung. Und das war revolutionär: 1993 durfte Techno noch fröhlich sein, ohne gleich zur Loveparade eingeladen zu werden. "Schöneberg” war deshalb nie cool, aber doch immer da. Wie Zigarettenautomaten oder Leute, die immer auf dem Sprung sind. 

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Gigi D’Agostino – Bla Bla Bla

Ein Lied wie eine Beleidigung an jeden Menschen, der sich je bemüht hat, Techno ernst zu nehmen. "Bla Bla Bla” – das ist kein Track, das ist ein Mittelfinger in Eurodance-Optik, getragen von einem Basslauf, so stumpf wie ein Nachmittag mit RTL II. Gigi mit seinem schleifenden Italo-Akzent, als würde ein Espresso sprechen lernen, murmelt da nämlich irgendwas über nichts und landet einen Welthit.


In den Neunzigern war das ein Manifest: Wir machen jetzt einfach mal. Kein Konzept, kein Pathos, kein Understatement. Nur Beat, Hook, fertig. Das war der Moment, in dem Techno das Hirn abstellte und sich ein Arschgeweih tätowieren ließ. Und Gigi war der besoffene Onkel unter den DJs. Stets rund, stets charmant, stets leicht problematisch.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Frank De Wulf – Magic Orchestra

Schon der Name klingt, als hätte die KI versucht, Jean-Michel Jarre mit Scooter zu kreuzen. Aber genau darum geht es: "Magic Orchestra” ist nämlich eine Vertonung der Prä-Techno-Pubertät. Dieses Stampfgerüst, das klingt, als würde sich ein Drumcomputer durch eine Telefonzelle prügeln, dazu diese cheesig-dramatischen Synthies, als hätte das Wendy-Magazin den Showdown aus Blade Runner nochmal mit Pferden nachgestellt

Damals lief das, einfach so. Jetzt knallt das Charlotte auf TikTok unter eine Unboxing-Story von Eyeliner. Vielleicht weil die Leute checken, das war nie so richtig cool. Und weil es ja stimmt. Der Track war ja nicht umsonst auf Bonzai-Records-Samplern neben Acid, Trance und holländischen Hardcore mit Autotune-Schreien zu finden.

Trotzdem war es ein Versprechen. Dass man auch mit vier Spuren und einem kaputten EQ was bauen kann, das größer ist als man selbst. Dass man sich auf 135 bpm retten kann, wenn das Leben in der Vorstadt zwischen Diddlmaus und Fernsehverbot nicht genug bietet. Und dass es ok ist, wenn es dabei ein bisschen peinlich ist.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Veröffentlicht in Features

Deine
Meinung:
10 Techno-Tracks, die heute nicht mehr durchkämen – und das ist schade

Wie findest Du den Artikel?

ø: